Cartoon: Marundes Landgang

Posted in 2011 by MaHo
24Oct2011

Rezension

Schweine in Kittelschürzen

Landgang: Marundes neuer Bildband bei Carlsen

Das Leben auf dem flachen Land kann so schön sein. Der Norden Deutschlands bietet nicht nur die zeitlose Einsamkeit des Wattenmeers, die Weite des Himmels oder die pittoreske Idylle von kleinen Dörfchen mit Fachwerkhäusern. Wenn man etwas genauer hinschaut, spielen sich auf den Bauernhöfen, in den Hühnerställen und auf den Schafsweiden richtige kleine Dramen ab, die obendrein unglaublich menschliche Züge tragen. Einer, der seit vielen Jahren ein Auge darauf geworfen hat, ist Wolf-Rüdiger Marunde.

→ von Matthias Hofmann

Ein Cartoon im Sinne von Bildwitz ist meist recht einfach. Aber das, was aussieht wie mühelos »mal schnell daher gezeichnet«, ist in der Regel das Ergebnis des Verbrauchs einer gehörigen Portion Hirnschmalz. Eine gute Cartoon-Serie, wie die von Gary Larson (The Far Side), lebt nicht nur von guter Beobachtungsgabe, skurrilem Humor oder einem wiederkennbaren Zeichenstil, sondern auch von einprägsamen running gags.

Unverwechselbar und mit hohem Wiederkennungswert sind auch die Zeichnungen von Marunde. Jeder seiner Cartoons ist im Grunde ein Gemälde. Er lebt mit seiner Familie in einem kleinen 150-Seelen-Dorf im Wendland und als Setting hat er sich die Landschaft von nebenan ausgesucht. Alte Bauernhöfe mit Reet gedeckten Häusern, schiefen Scheunen und klapprigen Traktoren, dazu trübe Tümpel, blumige Wiesen und rauhe Küsten. All das und noch viel mehr sorgt für ein atmosphärisches Ambiente, das von Marunde stimmig und geradezu bezaubernd in Szene gesetzt wird.

Leben in die treffend beobachteten Bilder bringen Mensch und Tier. Vor allem Schweine haben es dem Nordlicht angetan. Da liegt auch mal ein Schwein völlig konsterniert auf der Weide und berichtet einem kleinen Raben, der auf dem Gatter sitzt: »Ich habe schon wieder ein dutzend neue Geschwister, Herr Doktor! Meine Mutter ist die reinste Gebärmaschine« Woraufhin der leicht schielende Rabe dem rosafarbenen Paarhufer erklärt: »Was soll ich denn erst sagen – ich habe eine Rabenmutter!!« Bei seinen Lesern waren die Schweine-Cartoons so beliebt, dass daraus eine eigene Serie »Neues aus Schweinhausen« entstand.

Inhaltliches Markenzeichen von Marunde sind aber nicht die Figuren, sondern deren Handlungsweisen. Da benehmen sich Hund und Katze nicht nur wie Menschen, sondern sie reden auch so. Aus dem guten alten Wachhund ist bei Marunde kurzerhand ein »Security-Manager« geworden.

Kontraste zwischen dörflicher Idylle und schlichtem Landleben auf der einen und modernem, abgehobenen Stadtleben auf der anderen Seite spielen immer wieder eine Rolle. In der grau-weißen, metallisch-kalten Designerküche, die passend zu ihren bleichen Bewohnern nahezu monochrom eingerichtet ist, sitzt eine Frau und isst eine Orange. Ihr Mann steht mit verschränkten Händen hinter ihr und sagt: »Schatz, farbiges Ost bitte nur auf dem Balkon essen.«

Quasi nebenbei und mit spielerischer Leichtigkeit bringt Marunde in seinen Cartoons Kritik an der heutigen Zivilisation, Umweltschutz und fehlgeleiteter Politik zum Ausdruck. Wie zum Beispiel auf dem Bild mit der Frau, die mit Walking Sticks durch einen Park läuft, mit dem Begleittext: »Im Zuge des Klimawandels lassen sich in hiesigen Stadtparks immer häufiger Lebewesen beobachten, die eigentlich in tropischen Urwäldern heimisch sind.« Und im Hintergrund sieht man Tarzan auf einer Liane durchs Bild schwingen.

Der 1954 in Hamburg geborene Zeichner ist studierter Diplom-Designer und veröffentlichte seine ersten Cartoons und Comics in den 1970er Jahren, unter anderem in den Magazinen Pardon und MAD. Den großen Durchbruch schaffte er bald darauf mit seinen wöchentlichen Veröffentlichungen im Stern und der Brigitte. Seit 1995 veröffentlicht er auch regelmäßig in der TV-Zeitschrift Hörzu.

Seine Cartoons entstehen vorwiegend als Aquarelle oder mit Ölfarben, aber seit einigen Jahren hat auch der Computer Einfluss auf seine Zeichenkunst.

Zuletzt sind die Sammlungen seiner feinsinnigen Werke bei Lappan erschienen. Landgang ist nach fast vier Jahren der erste Bildband mit neuen Cartoons von Marunde. Das prächtige großformatige Album ist ein guter Tipp für ein Weihnachtsgeschenk an Leute, die nicht so viel mit richtigen Comics anfangen können, aber gerne intelligent komponierte Cartoons mögen.

Marundes Landgang: Das sind sympathisch erdachte Kauzigkeiten schweinisch gut gezeichnet.

Abbildungen © Carlsen / Marunde


Die Daten

Landgang (Originalausgabe)
Autor/Zeichner: Marunde
Carlsen Verlag

Hardcover, farbig, 128 Seiten, 24,7 x 32,7 cm, 19,90 Euro, ISBN 978-3-551-68259-8