Posted in Verlage by MaHo
15Nov2011

Abt: Programmvorschau Manga

Tezukas Buddha

und weitere Stoffe für erwachsenere Leser

Die Highlights des Carlsen Manga Programms des Sommers 2012

Interview mit Programmleiter Kai-Steffen Schwarz

Der Marktführer im Bereich Manga gibt heute die wichtigsten Novitäten des kommenden Sommerprogramms (April bis September 2012) bekannt. Es sind einige höchst interessant Stoffe dabei, die im kommenden Jahr für Furore sorgen dürften. CRON befragte vorab Wahl-Hamburger Kai-Steffen Schwarz, den Programmleiter von Carlsen Manga, zu den Titeln, bei denen selbst Leute, die Manga nur vom Hören-Sagen kennen, einen Blick riskieren sollten. Die Fragen stellte Matthias Hofmann.


Kai, in dieser Woche gibt Carlsen die ersten Informationen über das Manga-Programm des Sommers 2012 bekannt. Unter den Neustarts sind einige »Hammer-Titel«. Bevor wir darüber sprechen, erzähl doch mal kurz, wer das Manga-Programm bei euch zusammengestellt hat.

Das ist die Aufgabe der Manga-Redaktion, zu der neben meiner Wenigkeit sechs Personen mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten gehören: Anne Berling, Jonas Blaumann, Britta Harms, Isa-Bella Jung, Petra Lohmann und Michael Peter; dazu kommt dann noch Sabrina Rohde als »Orga-Assistenz«. Ideen einbringen dürfen aber jederzeit auch die auf Manga spezialisierten Mitarbeiter aus anderen Abteilungen. Programmarbeit ist bei Carlsen also Teamsache – auch wenn am Ende des Tages natürlich die einzelnen Programmleiter vor der Verlagsleitung für ihren Bereich einstehen müssen.

Nun ist Manga bei uns zu 97% Lizenzgeschäft, von daher ist das »Programm-Machen« nicht nur eine Frage der gewünschten Titel-Zusammenstellung und editorischer Konzepte, sondern - wie bei anderen Verlagen - immer auch der intensiven Marktbeobachtung, des richtigen Timings bei Angeboten und der Überzeugungsarbeit bei den Lizenzverhandlungen. Und somit ist man natürlich abhängig davon, welche Lizenzen man als Verlag an Land ziehen kann und welche nicht. Das Manga-Publikum ist sehr gut vernetzt und blendend darüber informiert, was wann in Japan erscheint – deshalb müssen wir nicht nur darauf achten, was wir veröffentlichen, sondern auch wann und wie wir das tun, sonst ziehen die Leser am Ende nicht mit.

Was das nächste Jahr angeht, sehen wir jetzt den idealen Zeitpunkt gekommen, um endlich mehr Quality-Stoffe aus dem Bereich der Seinen Manga an den Start zu bringen – also Titel, die man so ab 15, 16 Jahren aufwärts empfehlen und auch als Erwachsener lesen kann. Dieses Feld ist im deutschsprachigen Manga-Markt immer noch unterentwickelt, verglichen etwa mit dem Angebot in Frankreich. Allerdings hat das Segment in den letzten beiden Jahren mit Titeln wie Elfen Lied (bei Tokyopop) sowie »Ab 16er«-Serien wie Highschool Of The Dead und Doubt (bei Carlsen) einige Bestseller hervorgebracht, die im Verkauf so manchen Shonen- und Shojo-Titel überholt haben. Ein Großteil der hiesigen Manga-Leserschaft ist also längst erwachsen und verlangt zunehmend nach entsprechenden Stoffen, weshalb wir im Frühjahr/Sommer 2012 hier einen Schwerpunkt legen und gleich mehrere längere Serien starten, allerdings über das Sommerprogramm hinweg verteilt.

Im April startet die Vinland Saga von Makoto Yukimura, von dem in Deutschland die Science Fiction Serie Planetes bei Planet Manga vorliegt. Die Zeichnungen sind sehr vielversprechend. Was gibt es zu dieser Serie zu sagen?

Auf Vinland Saga freue ich mich ganz besonders – selten hat mich ein Manga so mitgerissen und beim Lesen mitfiebern lassen. Eine großartige, gut recherchierte Wikingerserie, in deren Mittelpunkt der junge Thorfinn steht, der als Kind mit ansehen musste, wie sein Vater umgebracht wurde, und nun auf dem Schiff des Mörders anheuert, um sich später rächen zu können. Sowohl das historische Setting als auch die Charaktere sind sehr originell, und das alles ist in atemberaubende realistische Zeichnungen gepackt. Mit Sachen wie Wickie hat das alles natürlich überhaupt nichts gemein, denn in Vinland Saga wird auch das harte Wikingerleben gezeigt, der Kampf mit der rauen Natur und erst recht so manche Schlachten, die visuell beeindruckend umgesetzt werden. Wir empfehlen Vinland Saga ab 16 Jahren.

Im Juli startet eine Serie mit dem Titel I am a Hero. Von dieser liegen in Japan bereits sieben Bände vor. Die Serie gibt es aber noch nicht in den USA oder in Frankreich. Wer zeichnet sie? Mit welchen anderen Serien ist I am a Hero zu vergleichen?

I am a Hero stammt von Kengo Hanazawa. Vergleiche fallen mir nicht leicht, wenngleich sich die Erzählweise natürlich an die Erwartungen des Horror-Publikums anlehnt, das aus Japan schon die eine oder andere Perle in gedruckter oder filmischer Form hat goutieren dürfen. Auch hier machen die tollen, realistischen Zeichnungen den Unterschied. Die Geschichte dreht sich um den erfolglosen Mangaka (!) Hideo, der merkwürdige Dinge in seiner Umgebung wahrnimmt und an Paranoia zu leiden scheint. Dass da mehr dahintersteckt, erfährt man schon im Laufe des ersten Bands. Hanazawa schafft es meisterhaft, »Exploitation« und groteske »Reality-Thriller«-Elemente zu einer packenden Story zu verweben – Liebhaber von guten Zombie-Geschichten werden auf ihre Kosten kommen, weshalb wir auch diese Serie ab 16 Jahren empfehlen.

Im September gibt es neu Ikigami – Der Todesbote von Motoro Mase. Der Manga wurde 2008 verfilmt und in Frankreich mit diversen Preisen ausgezeichnet. Worum geht es inhaltlich?

In die Ausgangslage der Protagonisten in Ikigami kann sich jeder hineinversetzen: Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du in 24 Stunden sterben musst? Wie würdest du deinen letzten Tag verbringen? Motoro Mase hat seine zehnbändige Serie in einem fiktiven Japan der nahen Zukunft angesiedelt, in dem der Staat jedes Kind mit einer Nano-Kapsel impfen lässt. Um dem Volk den Wert des Lebens und die Wichtigkeit einer starken, gesunden Nation klarzumachen, muss allerdings mit Beginn des Erwachsenenalters jeder Tausendste Mensch sterben. Wen es erwischt, steht kurz vorher fest, und die Behörde schickt die Todesboten mit der Nachricht – dem Ikigami – dann einen Tag vorher zu den Auserwählten. Ein beklemmender Thriller also, in dem die Leser mit jedem neuen Kapitel neue Charaktere kennen lernen – und ihren Umgang mit der Situation, den eigenen Tod vor Augen zu haben. Auf den ersten Blick mag das vielleicht etwas reißerisch klingen, die Episoden sind aber sehr lebensnah und mit emotionalem Tiefgang erzählt, mitunter fast philosophisch. In Frankreich erscheint Ikigami zurzeit bei Kazé, und jeder neue Band entert dort die Manga-Bestsellerlisten. Und ja, alleine bei unseren Nachbarn hat die Serie bereits fünf Preise eingeheimst.

Als absolutes Highlight darf man getrost den Start Osamu Tezukas Buddha bezeichnen. Tezuka, der »Godfather of Anime«, der als oft als der japanische Walt Disney bezeichnet wird, zeichnete die Lebensgeschichte von Gautama Buddha, dem Begründer des Buddhismus. Hier ist bei Carlsen Manga die Herausgabe von zehn Graphic Novels im Hardcover-Format geplant. Wie dick werden diese sein und was werden sie kosten?

Buddha hatten wir die ganze Zeit schon auf unserem »heimlichen Wunschzettel« und sind froh, dieses Werk jetzt endlich angehen zu können. Es gibt international ja verschiedene Ausgaben – ursprünglich waren es mal 14 Bände in Japan, die englisch- und französischsprachigen Versionen haben je acht unterschiedlich dicke Bände. Bei der Aufteilung auf zehn Bücher wird jeder deutsche Band etwa 300 bis 320 Seiten stark sein und 22,90 Euro kosten. Übrigens wird Buddha gerade auch in drei abendfüllende Anime-Kinofilme umgesetzt, von denen der erste nächstes Jahr nach Europa kommen soll – wir hoffen natürlich, dass er auch in  deutschen Kinos und auf Festivals gezeigt wird.

Abschließend noch die Frage zu dem Projekt »3/11 – Tagebuch nach Fukushima«. Es ist kein reiner Manga, aber sicher für Manga-Fans interessant. Der Titel wird aus Aktualitätsgründen noch ins laufende Programm geboxt und soll bereits Ende Februar an den Handel ausgeliefert werden. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein außergewöhnliches Projekt: die in Tokio lebende japanische Werbefilmerin, Autorin und Illustratorin Yuko Ichimura hat sich kurz nach der Tsunami-Katastrophe vom 11. März entschlossen, ein Tagebuch zu schreiben und zu illustrieren. Der mit ihr locker befreundete Berliner Journalist Tim Rittmann übersetzt die Texte und bereitet sie für das SZ-Magazin auf, das die Episoden unter dem Titel »Tagebuch aus Tokio« online veröffentlicht. Bei Carlsen erscheint zum Jahrestag der Katastrophe nun in enger Zusammenarbeit mit dem Autorenteam die erste Buchausgabe, die redaktionell noch einmal durchgesehen wird, und für die Yuko weiteres Material ergänzt, darunter ein zwölfseitige Comic-Prolog. Wir sind schon sehr gespannt, wie dieses Buch angenommen wird – das ist kein Lizenztitel, sondern eine Originalausgabe. Das buch wird mit Sicherheit nicht nur Manga-Fans, sondern viele andere interessieren, weshalb wir es in mehreren Vorschauen anzeigen. Wer mag, sollte unbedingt mal in die Kapitel online reinlesen und sich die Illustrationen anschauen.

Abbildungen © die jeweiligen Verlage


Die nackten Fakten:

Makoto Yukimura, Vinland Saga, Band 1 ab April 2012, je ca. 224 Seiten, 7,95 Euro (D)

Kengo Hanazawa, I Am A Hero, Band 1 ab Juli 2012, je ca. 240 Seiten, 7,95 Euro (D)

Motoro Mase, Ikigami – Der Todesbote, Band 1 ab September 2012, je ca. 208 Seiten, 7,95 Euro (D)

Osamu Tezuka, Buddha, Band 1 ab Mai 2012, je ca. 300-320 Seiten, Hardcover, 22,90 Euro (D)

Yuko Ichimura/Tim Rittmann, 3/11 – Tagebuch nach Fukushima, März 2012, ca. 180 Seiten, Klappenbroschur, 12,90 Euro (D).

 


 

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