Frisch Gelesen Folge 194: Raven 1

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Carlsen Veröffentlicht: Freitag, 25. Dezember 2020 Geschrieben von Matthias Hofmann

Raven 1 Teaser

»Alle tot und du nicht? Was ist das für ein Verrat?«

»Sie sind untergegangen, und mit ihnen dreihundert Spanier und die Galeone, die wir geentert haben. Sechs Tage hab ich auf See verbracht … Ich habe Durst und euer Empfang enttäuscht mich. Und ich bekomme große Lust, euch zu zeigen, warum ich überlebt habe, die anderen aber nicht.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Das Titelbild von Raven 1

Raven Band 1: »Nemesis«

Story: Mathieu Lauffray
Zeichnungen: Mathieu Lauffray

Carlsen Comics
Hardcover | 56 Seiten | Farbe | 16,00 €
ISBN: 978-3-551-02645-3

Genre: Abenteuer, Piraten

Für Leser, die das mögen: Long John Silver, Fluch der Karibik


 

Huch, was ist das denn? Ein Splitter-Album mit einem Carlsen-Comics-Logo?

Die Rede ist vom ersten Band von Mathieu Lauffrays Piratencomicserie Raven. Und es handelt sich hierbei mitnichten um ein Hardcoveralbum aus dem Hause Splitter, sondern um eines vom Hamburger Carlsen Verlag, der solche Titel noch vor einigen Jahren im Standard-Softcoverformat veröffentlicht hätte. Aber die Zeiten ändern sich und das Album von Carlsen ist genauso hart und hoch und sogar noch etwas breiter als ein Splitter-Album.

Und wenn wir schon dabei sind: Mit 16 Euro für 56 Seiten ist der erste Band von Raven auch genauso teuer wie ein vergleichbarer Splitter-Comic.

Leseprobe RAVEN Band 1

Ansatzlose Action: Wie kommt Raven da wohl wieder raus?

 

Mathieu Lauffray ist der Mann, der zusammen mit Xavier Dorison die von Robert L. Stevenson inspirierte Piratenserie Long John Silver (auf Deutsch bei Carlsen) geschaffen hat. Und die war ziemlich gut. In jeder Hinsicht. Szenario und Zeichnungen trafen sich auf Augenhöhe: auf hoher Ebene in sehr guter Form. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass nicht jeder Künstler auch ein guter Szenarist ist. Es gibt zwar jede Menge Belege, dass dies gut gehen kann, aber es ist kein Automatismus.

Wie ist das bei Mathieu Lauffray? Zunächst einmal sollte man wissen, dass Raven nicht der erste Comic ist, bei dem er die Story schreibt. Schon bei der Fantasyserie Prophet (auf Deutsch bei Splitter), die er ebenfalls mit Xavier Dorison gestartet hatte, versuchte er sich mehr oder weniger erfolgreich ab Band 2 als Szenarist.

Um was dreht es sich bei seinem neusten Versuch, einen Comic in Personalunion zu kreieren?

Es geht zurück ins Genre der Piratencomics. Und zwar ins Jahr 1666. Und als Inspiration soll »Black Vulmea's Vengeance«, eine Piratengeschichte von Conan-Erfinder Robert E. Howard, gedient haben, die von einem versteckten Schatz, geheimnisvollen Ruinen und einer Horde feindlich gesinnter Eingeborener handelt. Die Story beginnt als Raven ziemlich in der Patsche sitzt bzw. kurz vor Tortuga unter Wasser an einen versunkenen Schiffsanker gefesselt ist und ihm die Luft ausgeht. Diese äußerst missliche Situation ist die Folge eines schweren Fehlers. Raven ist zwar ein gut aussehender, sportlicher Draufgänger, aber er ist auch ein Hitzkopf und handelt oft unüberlegt. Wie es dazu kam, wird rückblickend erzählt.

Leseprobe RAVEN Band 1

Klassisch piratisch:
Das storytechnische Einmaleins für solche Art von Geschichten wird gnadenlos ausgereizt


Die Story ist eine ziemlich generische Abenteuergeschichte, in der Lauffray seinen verwegenen Piraten auf die gnadenlos fiese Lady Darksee treffen lässt. Beide bekommen Wind von einem verlorenen Maya-Schatz aus der Ruinenstadt Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, der sich nun auf der sogenannten »Teufelsinsel« in der Nähe von Guadeloupe befinden soll, und machen sich auf dem Weg dorthin gegenseitig das Leben schwer. Es sind alle Versatzstücke vorhanden, die man von solchen Erzählungen kennt, inklusive der Schatzkarte, die zeigt, wo sich der Schatz befinden soll.

Auch wenn die Handlung actionreich ist und von Ereignis zu Ereignis springt, bleibt sie merkwürdig unspannend. Es gibt nichts, was nicht schon in ähnlichen Comics oder in Filmen wie Fluch der Karibik ausgiebig behandelt worden ist. Hinzu kommt, dass die Charakterisierung sowohl von Raven als auch seiner Gegenspielerin Lady Darksee extrem flach ausgefallen, um nicht zu sagen, kaum vorhanden ist. Das macht beide Figuren nicht gerade sympathisch und sogar austauschbar bis belanglos.

Leseprobe RAVEN Band 1

Gnadenloser als der Teufel: Antagonistin Lady Darksee

 

Wenigstens die Zeichnungen können mit den Erwartungen mithalten. Mathieu Lauffray beginnt Handlungswechsel mit großen seitenfüllenden Panels, mitunter auch doppelseitigen Arrangements. Seine Zeichenkunst in unbestritten auf hohem Niveau und stellt sowohl das benötigte Karibikambiente und als auch das erwartete Piratenflair schön dar.

Allerdings reicht das nicht aus, damit dieser Auftaktband länger als ein paar Tage im Gedächtnis haften bleibt. Wenn man außerdem weiß, dass Lauffray ein extrem langsamer Comiczeichner ist, so kann man sich für Band 2 auf eine umfangreiche Wartezeit einrichten. Bis dahin solte man sich gerne noch einmal Long John Silver zu Gemüte führen, um sich daran zu erinnern, wie ein guter Piratencomic geschrieben werden sollte.

[Matthias Hofmann]

Abbildungen © 2020 Carlsen Verlag GmbH / Mathieu Lauffray


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Oder beim Verlag: Carlsen Verlag