Frisch gelesen Folge 104: Reisende im Wind, Bd. 8

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Splitter Veröffentlicht: Montag, 04. März 2019 Geschrieben von Bernd Hinrichs

 »Ich habe vor nichts Angst, schon gar nicht vor dem Sterben.«


 FRISCH GELESEN: Archiv


Reisende im Wind, Band 8: »Die Zeit der Blutkirschen«, Buch 1

Story: François Bourgeon
Zeichnungen: François Bourgeon

Splitter
Hardcover | 88 Seiten | Farbe | 18,80 €
ISBN: 978-3-86869-011-8

Genre: Historie, Abenteuer

Für Leser, die das mögen: Comicromane mit anspruchsvollen Zeichnungen im historischen Milieu


Eines kann man François Bourgeon nun wirklich nicht vorwerfen, dass er den Geldbeutel seiner Fans mit einer Flut an Neuerscheinungen belastet. Es ist fast 40 Jahre her, 20 Jahre nach dem letzten Album, dass mit »Blinde Passagiere« der erste Band der Serie Reisende im Wind im französischen Original erschienen ist. Flapsig formuliert, hat sich da wohl jemand Zeit gelassen. Allerdings, und das ist sehr wichtig, ist hier ein Perfektionist am Werk. Das war bei den ersten fünf Teilen noch mehr der Fall als in den zwei späteren Doppelfolgen.

Aber immer hübsch der Reihe nach. Mit »Die Zeit der Blutkirschen« legt der Franzose bereits die zweite Fortsetzung seiner Kultserie um die junge Adelige Isabeau de Marnaye vor, die ihre Heimat verlässt und die ganze Unmenschlichkeit des Sklavenhandels am Ende des 18. Jahrhunderts kennenlernt. In der ersten Fortsetzung, »Das Mädchen vom Bois-Caïman«, begleiten wir Isabeaus Urenkelin, Isabeau Murrait, durch die Wirren des amerikanischen Sezessionskrieges. In der neuerlichen Fortsetzung treffen wir Murrait 20 Jahre später wieder – diesmal im revolutionären Paris. Und erneut, wie schon ihre Urgroßmutter im Kampf gegen die Sklaverei und sie selbst im Sezessionskrieg, kämpft sie gegen Ungerechtigkeiten.


Zwanzig Jahre später: Isabeau Murrait, nun Clara genannt, im revolutionären Paris.

Bourgeon entwirft ein Sittengemälde einer Gesellschaft, die noch auf der Suche nach der richtigen Zukunft ist. Auf der einen Seite zeigt er ein durch die Industrialisierung an Identität und Selbstvertrauen gestärktes Proletariat, das aufbrechen will zu neuen Ufern. Ihm gegenüber stehen veraltete Strukturen. Und mittendrin die Boheme. Der Comickünstler hat wie schon in seinen anderen Bänden sein Hauptaugenmerk auf die Darstellung von Einzelschicksalen gerichtet. Dadurch gelingt es ihm, eine fesselnde Geschichte zu erzählen. Leider knüpft sie nicht in allen Punkten an die Genialität der Ursprungsserie an.


Eine ausgefallene Seitenarchitektur und ganzseitige Panels wie dieses sind selten.

Da ist zunächst einmal Bourgeons Handwerk. Mit Reisende im Wind schuf der Franzose eine Serie, die mit vielen Konventionen der Neunten Kunst brach, beispielsweise der Seitenarchitektur. Statt die Panels aufeinander folgen zu lassen, sprengte Bourgeon die Seiten. Er variierte die Bildgröße, je nachdem, wie es für die Erzählung notwendig war. Häufig stellte er kleinere Detailbilder auf große Panels. Diese Experimentierfreudigkeit fehlt dem neuen Band komplett. Burgeon zieht sich auf die klassische Seitenarchitektur zurück und vergibt an manchen Stellen die Gelegenheit, den Leser auch zeichnerisch in die Geschichte zu ziehen. Wie bei kaum ein anderen Comickünstler transportierten die ersten fünf Teile Emotionen über ihre Zeichnungen. In den Szenen etwa, die unter Deck des Sklavenschiffs spielen und die Burgeon mit bis zu 18 Panels pro Seite gestaltete, spürt der Betrachter die Enge des Sklavenpferchs, noch bevor sie textlich erwähnt wird. Dem gegenüber stehen die ganzseitigen Panels, wenn der Bug des Sklavenschiffs »Marie-Caroline« durch die Weiten des Atlantiks pflügt. Glanzmomente der Erzählkunst im Comic, die schon bei »Das Mädchen vom Bois-Caïman« fehlen und die der Leser auch bei »Die Zeit der Blutkirschen« vergeblich sucht.

Was hingegen bleibt ist Burgeons Detailgenauigkeit. Reisende im Wind entstand nach dem Bau eines Schiffsmodels, an dem der Zeichner und Szenarist seit 1973 gebastelt hatte. Ihn faszinierten zunächst die gewaltigen Holzkonstruktionen, mit denen die Marine des 18. Jahrhunderts über die Weltmeere fuhr. Diese Faszination hat Burgeon haarklein auf seinen Comic übertragen. So stellt er den Schiffskörper der »Marie-Caroline« nicht als große Fläche dar, sondern so genau, dass der Betrachter die einzelnen Bretter und Nägel erkennen kann. Alle diese Kniffe, diese Präzision finden sich auch in »Die Zeit der Blutkirschen« – beispielsweise in der akribischen Darstellung des Friedhofs Père Lachaise im Speziellen oder der unterschiedlichen Straßenbilder ganz allgemein. Bourgeon hat sich augenscheinlich ausgiebig mit dem historischen Paris beschäftigt. Alles nimmt der Leser dem Zeichner ab: Uniformen, Züge, Kutschen. Der Band strotzt vor Authentizität.


Burgeons Detailgenauigkeit: die akribische Darstellung des Friedhofs Père Lachaise.

Auch bei der Charakterisierung seiner Hauptpersonen knüpft Bourgeon an seine erstklassigen früheren Arbeiten an. Wie immer handelt es sich dabei um Frauen; um starke, unbeugsame Menschen mit einem übergroßen Gerechtigkeitssinn. Allerdings nimmt sich der Franzose – wie schon bei »Das Mädchen vom Bois-Caïman« – im Bereich Sexualität stark zurück. Die junge Adelige Isabeau de Marnaye war eine selbstbewusste Frau, die ihre Sexualität auch offen auslebte. Diesen Aspekt vernachlässigt Bourgeon bei seinen neuen weiblichen Protagonisten total. Dem Genuss des Bandes schadet das allerdings nicht.


Ein Sittengemälde mit starken Frauen.

Der Splitter Verlag hatte dessen Erscheinen mit einer einzigartigen Sonderaktion gefeiert. Vier große DIN-A3-Zeitungen haben den Band im Vorfeld vorgestellt. Jede Ausgabe enthielt 20 Seiten des ersten Teils des Comicromans und dazu noch vier Seiten redaktionelles Bonusmaterial. Leider konnte sich der Verlag nicht dazu entschließen, dieses Material auch in Band 8 mit abzudrucken. So gehen eine Reihe von Informationen verloren, auf die jeder Leser gerne zurückgegriffen hätte. Einzig ein Glossar am Ende erläutert die sprachlichen Besonderheiten der Geschichte. Gerade bei Bourgeon hätten sich Leser über mehr gefreut.

Unterm Strich bleibt eine Weiterführung des Reisende-im-Wind-Zyklus, die es nicht mit dem Klassiker aufnehmen kann.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2019 Splitter


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