Frisch Gelesen Folge 134: Der große Indienschwindel

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Splitter Veröffentlicht: Montag, 28. Oktober 2019 Geschrieben von Stephan Schunck

»Ich will, dass du dich erinnerst, ich spreche nicht vom König. An Könige erinnert man sich, sondern von diesem elenden Schurken niederer Geburt und niedriger Gesinnung, von dem heute keine Spur mehr übrig ist.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Der große Indienschwindel
oder
Ein zweiter Teil von Leben und Abenteuer des weitbeschrieenen Glücksritters Don Pablos aus Segovia, Landstörzer, Erzschelm und Hauptvagabund; inspiriert durch den ersten, so wie ihn zu seiner Zeit erzählte Don Francisco Gómez de Quevedo y Villegas, Ritter vom Orden des Heiligen Jakob und Herr von Juan Abad

Story: Alain Ayroles
Zeichnungen: Juanjo Guarnido

Splitter
Hardcover | 160 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-96219-360-7

Genre: Abenteuer, Schelmenroman, Gesellschaftsposse

Für Leser, die das mögen: Don Quijote, Der brave Soldat Schwejk, Satyricon


 

In diesem Jahr hat wohl noch kein Comic einen derartigen Hype verursacht wie Der große Indienschwindel – absolut zu Recht, wie auch diese Rezension zeigen wird. Aber gerade diese Begeisterung macht es auch nicht einfacher, die Geschichte zu rezensieren.
Nach der mehr als kurzweiligen Lektüre – allenfalls unterbrochen, um das Buch mal aus der Hand zu legen, weil die 160 Seiten doch einiges an Gewicht mitbringen – hatte ich den unbedingten Wunsch, einen meiner Lieblingsfilme Die üblichen Verdächtigen von Bryan Singer aus dem Jahr 1995 anzuschauen. Ohne zu viel verraten zu wollen, wird man mich nach dem Lesen dieses Schelmenromans in Comicform vielleicht verstehen.


Erzschelm Don Pablos gewinnt beim Kartenspiel.

Die Geschichte um Don Pablos ist ganz in der Tradition der novela picaresca verfasst, einer Literaturform des Goldenen Zeitalters Spaniens, die ursprünglich aufgrund ihrer vordergründigen Situations- und Verbalkomik eher als substanzlos abgetan wurde. Ein Hinweis im Vorwort führt auf die Spur eines Vertreters dieses Stils, Francisco de Quevedo. Dieser hat 1626 eines der Hauptwerke des spanischen Schelmenromans geschrieben, die Geschichte von El Buscón oder Das Leben des Abenteurers Don Pablos von Segovia. Alain Ayroles hat nun das Szenario für eine nie erschienene Fortsetzung der Geschichte erdacht. In drei Kapiteln mit Epilog und Prolog – wie es sich für große Literatur gehört – spinnt er die Geschichte des Landstörzers, Erzschelms und Hauptvagabunden weiter, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, mit mehr als überraschenden Wendungen.


Von Spanien in die Neue Welt mit überrraschender Wendung.

Dessen Weg von Spanien in die Neue Welt, die irrtümlich für Indien gehalten wurde, die Suche nach unermesslichen Goldschätzen, versunken im Elend und zu guter Letzt endend am Hof des spanischen Königs, will ich hier nicht im Einzelnen nacherzählen. Zum einen gibt es schon genügend mehr oder weniger lange Inhaltsangaben, zum anderen gäbe ich viel zu viel preis und schmälerte ich dadurch den Spaß an der Lektüre. Nur so viel sei verraten – damit auch der Hinweis auf Die üblichen Verdächtigen nicht im luftleeren Raum stehen bleibt: Die scheinbar unter Folter erzwungene Geschichte entpuppt sich als raffiniert durchdachter Plan eines durch und durch verschlagenen Hallodris mit einem unerwarteten Ergebnis.

 
Der Erzähler in der Folterkammer.

Alain Ayroles, der bereits mit Garulfo und Mantel und Degen seinen Hang zu schelmischen Märchen und kultivierten Geschichten aus früheren Jahrhunderten untermauert hat, verwebt nun beide geschickt miteinander und erweitert sie um das angesprochene spanische traditionelle Stilmittel.
Eine weitere Überraschung ist sicherlich das Artwork von Juanjo Guarnido. Guarnido, der es eigentlich mit nur einer einzigen Serie (Blacksad) geschafft hat, im frankobelgischen Zeichnerolymp anzukommen, zeigt hier eine fast schon unerwartete Vielseitigkeit und versprüht mit seinen – unverkennbar von seinen Arbeiten an unterschiedlichen Animationsfilmen inspirierten – Zeichnungen ein kleines optisches Feuerwerk.

 
Die Lebensgeschichte des Geschichtenerzählers ist ein kleines optisches Feuerwerk.

Es müssen also nicht immer neue Weltuntergangsszenarien, Superhelden, sprechende Tiere oder der nächste Tim und Struppi sein. Anleihen aus historischer Literatur, geschickt und humorvoll in Szene gesetzt, öffnen ganz neue Möglichkeiten und Horizonte. Mit der gediegenen Aufmachung und dem Überformat ist Der große Indienschwindel zudem ein Schmuckstück jeder Comicsammlung.

[Stephan Schunck]

Abbildungen © 2019 Splitter


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