Frisch Gelesen Folge 186: Schlange und Speer 1

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Splitter Veröffentlicht: Montag, 16. November 2020 Geschrieben von Peter Lau

Der Schock steht dem Azteken-Herrscher in diesem Panel aus Schlange & Speer ins Gesicht geschrieben.

»Hinter den massiven Mauern dieses Palastes steht in diesem Moment, da wir miteinander beraten, das Schicksal unseres Volkes auf dem Spiel.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Schlange und Speer 1: »Schatten-Berg«Schon das Titelbild verbreitet ein Zack-Gefühl.

Text: Hub
Zeichnungen: Hub

Splitter
Hardcover | 184 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-96219-560-1

Genre: Historienkrimi

Für Menschen, die das mögen: Die Türme von Bois-Maury, Die Indianer, Zack



In dem Viertel, in dem ich als Kind lebte, war nicht viel los. Aber das war nicht schlimm, denn zum Glück gab es Comics. Insbesondere die frankobelgischen Abenteuercomics in Zack und Primo eröffneten mir ferne Welten, in denen Dschungel üppig wucherten, Wüsten sich endlos streckten, Rentiere durch verschneite Wälder zogen, Autos über schlammige Pisten rasten und Vulkane immer kurz vor dem Ausbruch standen. Es war eine große, unfassbare, faszinierende Welt – und sie hatte keine Chance gegen die Realität. Denn irgendwann stand ich dann selbst in den üppigen Dschungeln, auf den schlammigen Pisten oder am Rand der natürlich längst erloschenen Vulkane – und alles war ein wenig banal. Der Traum war ausgeträumt.

Aber wäre es nicht schön, dieses großes Staunen noch einmal erleben zu können? Ich weiß, dass so etwas möglich ist, seit mir Joss Whedon mit den ersten Avengers-Filmen mein altes Die-Rächer-Gefühl in einer 2.0-Version zurückgegeben hat. Und dank Schlange und Speer habe ich nun auch die Chance, mein altes Zack-Gefühl noch einmal zu durchleben.

Die Handlung dreht sich um grausige Ritualmorde ...
Grausiger Fund: die rituell verschnürte Mumie eines Mädchens.


Schlange und Speer
spielt 1454 im Reich der Azteken, die zu der Zeit gerade dabei sind, das Gebiet, das heute Mexiko heißt, komplett zu beherrschen. Eine fette Zeit, der Höhepunkt dieser Kultur, aber das wissen die Beteiligten natürlich nicht. Im Gegenteil: In der Hauptstadt Tenochtitlan machen sich die Herrscher vielmehr Sorgen angesichts des Fundes diverser rituell verschnürter Mumien von jungen Mädchen. Bedroht die Mordserie ihre Macht? Sie beauftragen den brutalen Inspektor Schlange und seine Leute, den Fall aufzuklären – koste es, was es wolle.

Ein in Tenochtitlan lebender, wichtiger Priester macht sich ebenfalls Sorgen, allerdings aus anderen Gründen: Er fürchtet, die Morde könnten mit seinem Orden zusammenhängen. Er bittet den Händler Augen-Speer, mit dem er befreundet ist, den Fall zu lösen. Augen-Speer ist nicht so brutal wie Schlange, aber auch kein Sympathieträger. Und wie das eben so ist: Die zwei Teilzeitdetektive kennen sich seit ihrer Kindheit. So ist bei einem Showdown der beiden Hauptfiguren wohl mit dem Schlimmsten zu rechnen. Aber das wird noch dauern: Die Serie ist auf drei Bände mit insgesamt rund 500 Seiten angelegt.

... wartet mit grandiosen Panoramen auf ...
Schon von Weitem grandios: die Hauptstadt Tenochtitlan.


Der französische Comickünstler Humbert Chabuel alias Hub zeigt die Welt der Azteken in enormer Detailfreude. Die auf einem See erbaute Hauptstadt des Aztekenreichs wirkt schon von Weitem grandios, doch wenn wir durch die Straßen gehen, die sich oft entlang von Kanälen ziehen, Märkte besuchen, auf denen auch Artisten ihre Künste zeigen, in einem düsteren Tempel befremdliche Götzen vor sich hin dampfen oder bei Familienessen wie in der Kneipe alle stets auf Matten sitzen, dem wohl wichtigsten Einrichtungsgegenstand der Zeit, wird diese Welt wunderbar lebendig. Es ist wie in einem Computerspiel, das so gut aussieht, dass man irgendwann nur noch ziellos darin herumwandern will. Oder eben wie früher in Zack. Nur viel detaillierter.

Natürlich sind beide Protagonisten nicht alleine unterwegs. Schlange hat einen Killer dabei, Augen-Speer einen Kämpfer mit einer riesigen Keule und eine alte Heilerin, die im Notfall wohl auch hilfreiche Geister beschwören wird. Außerdem gibt es da noch allerlei Helferlein, ruchlos (Schlange) bis farblos (Speer), die im ersten Band allerdings nicht viel zu bieten haben. Zirkusnummernfähige Spezialisten wie einst in der Bande des Capitan Terror oder im Kommando Kaiman gibt es bisher leider nicht. Schade eigentlich.

... dringt tief ins Alltagsleben der Azteken ein ...
Wunderbar lebendige Welt: eine Mahlzeit im Familienkreis.


Ja, ich gebe es zu: Ich wäre gerne nostalgisch. Leider schaffe ich es nicht. Denn wenn ich heute Bruno Brazil, Andy Morgan oder Tangy & Laverdure lese, sehe ich entsetzlich geradlinig runtererzählte, wahnsinnig absehbare Geschichten, die für mein Kinder-Ich perfekt waren, aber mich jetzt massiv unterfordern. Und das ist das Beste an Schlange und Speer: Hier passiert mir das nicht. Hub erzählt auch über verschachtelte Rückblenden und bizarre Träume, er lässt große Felder in der Vergangenheit der Protagonisten offen, und natürlich geben auch die Morde Rätsel auf, deren Lösungen nicht vollkommen offensichtlich sind.

Vor allem aber lässt sich Hub auf einen wahrscheinlich ausgedachten, aber überzeugenden Azteken-Mindset ein, der oft befremdlich ist, wenn nicht sogar unverständlich. Was geht in diesen Menschen vor? Vielleicht etwas Archaisches, auf jeden Fall etwas sehr Fremdes, das von unserem Denken weit entfernt ist. Mich hat das an die ersten Bände von Die Türme von Bois-Maury erinnert, in denen Hermann der Gedankenwelt des Mittelalters erstaunlich nahekam, und an Hans G. Kresses Die Indianer, deren Hauptfiguren einfach anders waren als wir in Europa. Und das ist wohl immer noch das größte Abenteuer: fremde Gedankenwelten kennenlernen.

[Peter Lau]

... und ist rätselhaft und verschachtelt erzählt.
Verschachtelte Rückblenden und bizarre Träume: Hub erzählt anspruchsvoll.

Abbildungen © 2020 Splitter


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