Frisch Gelesen Folge 162: Prinz Gigahertz

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Sonstige Verlage Veröffentlicht: Montag, 08. Juni 2020 Geschrieben von Walter Truck

»Weißt du, was Magie ist? Und woher sie kommt?«
»Sie ist eine grausame Schimäre, vor der ich zu lange die Augen verschlossen habe.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Prinz GigahertzDas Titelbild von Lukas Kummers Prinz Gigahertz.

Story: Lukas Kummer
Zeichnungen: Lukas Kummer

Zwerchfell Verlag
Hardcover │ 120 Seiten │ Farbe │ 12,00 €
ISBN: 978-3-943547-52-8

Genre: Tech-Fantasy, High Fantasy

Für Leser, die das mögen: Andrax, Hombre


 

Ein mittelalterlicher Ort und eine kleine Menschenmenge, die interessiert suchend nach oben blickt. Dann plötzlich, scheinbar aus dem Nichts, materialisiert sich über den Köpfen ein magischer Gegenstand, der aber nicht berührt werden darf, bevor ein Geistlicher seinen Segen ausspricht. »Habt Dank, ihr anderen. Für diese großartige Gabe, mit welcher ihr uns heute wieder beschenkt«, sagt der. Aber auch: »Und möge sie nicht in Flammen aufgehen, wie so viele eurer Gaben«. Ein seltsamer Vorfall, vor allem weil dieses Ding zweifelsohne ein Toaster mit Anschlusskabel ist. Wird hier Zauberei mit Technik gleichgesetzt? Das passt zu den Vorstellungen des Philosophen Tommaso Campanella (1568–1639), der Magie wie folgt definierte: »Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft«.

Seite 33 aus Prinz Gigahertz: Sex & Drugs & Rock 'n' Roll gehen auch nach der Apokalypse.
Mittelalterliches Setting nach der Apokalypse: Sex & Drugs & Rock 'n' Roll gibt es auch hier.

Ausgehend von dieser Prämisse erzählt Lukas Kummer von einer Welt im Multiversum, die durch Dimensionsrisse mit einer wesentlich weiterentwickelten verbunden ist, sodass ungewöhnliche Gegenstände auftauchen können. Doch dieser Zusammenprall der Zivilisationen endet desaströs. Erbarmungslose Kriminelle treten auf den Plan und plündern diese Sphäre nach allen Regeln der Kunst aus. Es geht um wertvolle Bodenschätze aber auch um junge Männer und Frauen, die ein grausiges Schicksal erwartet. Und der Schrecken hat kein Ende: Zu guter Letzt lösen die fremden Raubritter eine atomare Katastrophe aus, die die rückständige Gesellschaft beinahe auslöscht.

Dystopie, schick in Szene gesetzt, auf Seite 25.
Dystopie, schick in Szene gesetzt.

Kummers Strich ist ein ansprechender Mix aus Ligne Claire, Cartoon und Zeitschriftenillustration. In seinen Panels verzichtet er weitgehend auf Schraffuren und Schattierungen und sorgt stattdessen mit zumeist klar abgegrenzten Farbbereichen für Nuancen und räumliche Tiefe. Die Kolorierung ist überwiegend poppig neonfarben und hilft zudem beim Zurechtfinden in seiner Story, die mit Rückblenden gespickt ist, da sich bei Abschnittswechseln auch die Farbpalette ändert. Die Optik ist elegant und passt gut zu dem Künstler, der in Kassel Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration und Comic studierte und Meisterschüler bei Hendrik Dorgathen war. Der hier präsentierte Stil ist für ihn aber nicht typisch, da sich seine bisherigen Arbeiten stark unterscheiden. »Meine Stärke ist, dass ich mich sehr gut auf ein neues Thema einlassen kann und dafür sowohl zeichnerisch als auch inhaltlich den richtigen Tonfall finde«, sagt er. »Deshalb sehen meine Bücher alle anders aus«.

Seite 17 bietet Techno-Magie in Reinkultur.
Techno-Magie in Reinkultur.

Im Mittelpunkt steht der namensgebende Prinz Gigahertz, der in den guten, aber vergangenen Tagen erster königlicher Ritter, Hofmagier und sogar General einer royalen Widerstandsarmee war. Nach 30 Jahren wundersamen Tiefschlafs schreitet dieser nun unversehrt und jugendlich wie eh und je durch eine verwüstete Welt, die von schwer gezeichneten Überlebenden mehr schlecht als recht bevölkert wird. Doch damit nicht genug, sein Erzfeind hat auf ähnliche Weise überlebt – ein intelligenter aber mörderischer Roboter, dessen Laserstrahl mühelos Gegenstände und Gegner durchtrennen kann. Doch kann Gigahertz seinen Gegenspieler mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ausschalten? Zum Beispiel mit den »Augen der Weitsicht« (ein Fernglas), dem »verhexten Flüsterkästchen« (eine Art Star-Trek-Kommunikator) oder den »Blitz- und Donnerstöckchen« (Sprengsätze)? Keine Frage, Gigahertz gibt alles. Aber reicht das?

Action auf Seite 69: Das gefällige Artwork mildert die explizit dargestellte Brutalität deutlich ab.
Action! Es geht rund.

Lukas Kummer schnürt hier aus Fantasy, postapokalyptischen Motiven und Science Fiction ein fesselndes Paket, das eine Menge Action und sogar eine zart-schüchtern wirkende Liebesgeschichte bietet (natürlich zwischen dem Prinzen und einer Prinzessin). Er hält den Spannungsbogen erfreulich straff, behält stets den Überblick und verliert sich zum Glück nie in seinen Rückschauen. An manchen Stellen sind die Illustrationen erstaunlich brutal und blutig. Dann wirken sie sehr unangenehm, passen aber immer zum Plot und sind nicht effekthascherisch. Verblüffend ist auch, dass das gefällige Artwork die explizit dargestellte Brutalität deutlich abmildert. Außerdem geht Kummer der Frage nach, inwieweit sein schillernd eingeführter Held tatsächlich ein Ritter ohne Fehl und Tadel ist. Die Antwort darauf ist erstaunlich und geleitet den Leser zu einem stimmigen Finale, das ohne lose Enden auskommt und mit einer gelungenen Pointe aufwartet, die einiges erklärt.

[Walter Truck]

Abbildungen © 2020 Zwerchfell Verlag


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