Epsilon: Eriks deae ex machina 1

Veröffentlicht: Montag, 12. September 2011

Rezension

Deae ex machina:

Eriks Sprung aus dem Internet

Mit der »Jagd auf den blauen Jaguar«, dem ersten Band des hunderte von Seiten umfassenden Epos Eriks deae ex machina, zäumt der Saarländer Frank Erik Weißmüller publikationstechnisch das Pferd von hinten auf. Bei Epsilon erschien jetzt der erste Band seiner Serie um die drei Göttinnen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, obwohl alle Seiten seit Jahren kostenlos im Netz zu lesen sind.

→ von Alexander Lachwitz

Wer den ersten der fünf geplanten Bände aus dem Epsilon-Verlag in Händen hält, wird daran erstmal nicht viel Auffälliges bemerken. Ein Comicalbum wie es sie im Buchhandel einige gibt. Ein übersichtliches A4-Format, Hardcover und ein sauberes Druckbild, alles in gewohnt hoher Qualität und der Inhalt muss sich auch nicht verstecken. Dass der Inhalt der 80 Seiten aber seinen Ursprung im Internet als Webcomic hat, das sieht man ihm wahrlich nicht an.

Mit Eriks deae ex machina liegt mittlerweile der dritte gedruckte Band von Erik vor. Nach zwei Abenteuern seines Detektivs Deschamps, kurz Dédé, wandelt der Autor hier nun auf ganz neuen Pfaden. Erzählt wird die Geschichte der drei Schicksalsgöttinen Urdi, Verdandi und Skuld, und wie sie verhindern wollen, dass ein gewisser von Klump im Jahr 1928 die Macht über das Schicksal an sich reißt.

Wer Eriks Webseite schon länger verfolgt, der wird die Geschichte womöglich schon kennen, und zwar weit mehr als das was in diesem ersten Band geschildert wird. Schon seit 2009 veröffentlichte der Autor hier die Geschichte um die drei Göttinnen. 2010 hat das Magazin COMIX mit dem Abdruck der Geschichte begonnen, ehe der Epsilon-Verlag sich entschlossen hat, die Geschichte nach einer Überarbeitung und einem Umfang von fast 400 Seiten als Sammelbände zu veröffentlichen. Somit muss sich auch dieses Werk der einen Frage stellen, die so ziemlich allen Webcomic-Veröffentlichungen gerne entgegengehalten wird:

Warum für etwas bezahlen, das man kostenlos im Internet lesen kann?

Natürlich handelt es sich hierbei um eine Prinzipienfrage. Wer nur auf den reinen Materialwert schaut, fährt mit der Webversion deutlich sinnvoller. Aber das eine muss das andere nicht ausschließen. Der kostenlosen Verfügbarkeit, und den regelmäßigen neuen Seiten im Netz, stehen ein fairer Preis, eine hochwertige Aufmachung sowie der handliche Schmökerfaktor eines echten Buchs gegenüber.

Anders als viele andere Webcomiczeichner, arbeitet Erik vom Format und der Erzählweise her primär für den Druck. Seine Geschichten werden nicht in kurzen Strips erzählt, bei ihm bekommt man immer komplette A4-Seiten auf den Bildschirm gezaubert, angefüllt mit reichhaltigen Details und vielen kleinen in den Bildern versteckten Geschichten, die zum verweilen einladen. Dementsprechend darf man sagen, dass sich die Göttinnen auf Papier nochmal deutlich besser machen. Was auf dem Monitor durch seine Detailfülle und die bewusst gedeckte Farbwahl unruhig und unübersichtlich wirken kann, kann sich bei einem richtigen Druck in voller Pracht entfalten.

Dazu trägt natürlich die hohe zeichnerische Qualität ihren Teil bei. Eine Vorliebe für schnelle, schneidende Linien muss man dem Zeichner zugutehalten, doch abgesehen davon sind die Vorbilder gut zu erahnen und sollten gerade bei der Generation, die noch mit Asterix, Spirou und Co groß geworden ist, das eine ums andere nostalgische Schmunzeln auslösen.

Herausragend wird der Band aber weder durch die Form, die Detailfülle oder die Handlung an sich. Es sind die erzählerischen Details und Kniffe! Wenn hier die Schicksalsgöttinnen der nordischen Mythologie auf das Deutschland der dreißiger Jahre losgelassen werden, und dazwischen noch Römer sowie spanische Conquestadores auf der Jagd nach dem blauen Jaguar sind, dann wird hier ein ganz großes Fass an historischem und mythologischem Wissen über dem Leser ausgeschüttet, dass es eine Freude ist. Indiana Jones ist dagegen ein tumber Schläger aus der Nachbarschaft.

Sowohl relevante Randinformationen über historische und mythologische Ereignisse werden erläutert, wie scheinbare Nebensächlichkeiten, die eigentlich niemanden interessieren. Und doch sind es eben solche Szenen, die trotz dem Ernst der Handlung einen charmant schmunzelnden Unterton einbringen. Wenn etwa beim Tod einer scheinbar wichtigen Figur wie nebenbei erläutert wird, wann und wie das Benz-Modell, welches über dem zum Tode geweihten liegt, gebaut wurde.

In selbige Liga fallen auch die diversen Wortgefechte der drei Göttinnen untereinander, die man so schon fast eher als Gossip-Girls betrachten könnte. Doch es gelingt dem Autor, die Figuren trotz allem als sehr glaubwürdig und plastisch darzustellen, Helden wie Schurken.

Erik wechselt, getreu dem Motto, dass Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verbunden sind, stets zwischen den Zeiten und dem Hort der Götter, wunderbar als 'In der  Zwischenzeit' bezeichnet, mit der Erzählebene munter hin und her. Die drei Göttinnen dienen dabei erst nur als lose Verbindung, ehe die Handlung Fahrt aufnimmt und sich das ganze Dilemma abzuzeichnen beginnt. Als vorläufige Hauptperson, neben den Göttinnen, dient dabei der junge Chris, der über ein wichtiges Amulett verfügt, welches ihn eigentlich vor Gefahren schützen sollte. Eigentlich...

Denn um eine Bedrohung wie von Klump aufzuhalten, sind Verdandi, Urd und Skuld wenig zimperlich. Da werden dann auch mal Schicksalsstäbe gestutzt, verkehrt herum gehalten und so manch anderer dramaturgischer Notgriff betätigt, bei dem der Vorwurf des deus ex machina normalerweise mehr als angebracht wäre. Aber hier wird der arme deus, oder eher die deae in Form der Göttinnen selbst zum tragenden Charakter im Possenspiel.

Für Kinder ist der Band allerdings wohl weniger geeignet. Dazu geht Erik mit seiner Erzählweise etwas zu fordernd vor, als dass zu junge Leser der Handlung wohl noch folgen könnten. Auch die diversen Anspielungen und Kommentare sind in ihrer Idee zwar den vielen Verweisen Uderzos bei Asterix & Obelix nicht unähnlich, sind aber auf eine viel trockenere und nachdenklichere Weise gestaltet worden.

Alle anderen sollten sich zumindest auf seiner Webseite einen Eindruck von den Göttinnen machen. Der Band gehört, nicht nur wegen den noch kommenden Folgebänden, zu jener schönen Art Comicbuch, die man auch nach mehrmaligem Lesen immer wieder gerne hervorholt und neue Details entdecken kann.

Abbildungen © Erik / Epsilon Verlag


Die Daten

Eriks deae ex machina Band 1: Jagd auf den blauen Jaguar (Originalausgabe)
Autor/Zeichner: Frank Erik Weißmüller
Epsilon Verlag
Hardcover, Album, Farbe, 80 Seiten, 20,- Euro, ISBN: 978-3866931039


Weiterführender Link:

Homepage des Verlags: Epsilon Verlag
Leseprobe: Eriks deae ex machine Band 1