Frisch Gelesen Folge 179: Wir gehören dem Land

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Edition Moderne Veröffentlicht: Montag, 12. Oktober 2020 Geschrieben von Peter Lau

»Für Cecile Raymond, Ende 80, aus Norman Wells, war das Leben in der Wildnis nicht romantisch. Ihre Mutter bekam 14 Jahre lang jedes Jahr ein Baby – immer im selben Korbstuhl. Nur ihr Vater half bei der Geburt. Cecile war froh, als der Stuhl endlich verbrannt wurde.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Wir gehören dem Land

Story: Joe Sacco
Zeichnungen: Joe Sacco

Edition Moderne
Softcover | 256 Seiten | s/w | 25,00 €
ISBN: 978-3-03731-198-1

Genre: Comicreportage

Für Leute, die das mögen: Sachcomics, Reportagen, Komplexität



Die Dene sind ein indigenes Nomadenvolk im Norden Kanadas, das bis vor rund hundert Jahren von der restlichen Welt weitgehend ungestört lebte. Sie waren Jäger und Fischer, hatten eine eigene Sprache, eigene Organisationsformen, eine eigene Kultur mit eigenen Spielen, Liedern etc. und waren natürlich wie, so weit ich weiß, alle Nomadenvölker stark gemeinschaftsorientiert. Heute leben die Dene in kleinen Ortschaften fern der großen Städte und wichtigen Industrie- und Handelszentren, sind von staatlicher Unterstützung abhängig und kleinen Jobs in der Fracking-Industrie, mit denen sie an der Zerstörung ihrer Heimat teilnehmen, haben erhebliche Gewalt-, Selbstmord-, Alkoholprobleme sowie bestenfalls eine mittelmäßige Zukunftsperspektive.

Und dazwischen, zwischen dem zumindest von ferne (Nahperspektive: siehe oben) idyllisch wirkenden Leben in der Wildnis und dem aktuellen, seit Jahrzehnten andauernden Alltag als prekäre Ethnie, lag – ihr ahnt es sicherlich – die Ankunft dessen, was wir hier im Westen die Zivilisation nennen.


Ja, das klingt nach einem Gutmenschencomic: Wie der edle Wilde vom gierigen weißen Mann für eine Handvoll Rohstoffe verelendet wurde – kenn ich, weiß ich, war ich schon. Aber gemach, Gevatter Tod, denn dieses Buch ist von Joe Sacco, der nicht umsonst als bester Comicjournalist der Welt gilt. Der gebürtige Malteser, der heute in Portland lebt, begann in den 80er Jahren mit typischen Underground-Funnys, doch schon in seiner ersten Heftreihe Yahoo veröffentlichte er auch Reportagen, etwa über eine Tour mit der Rockband Miracle Workers oder über die Arbeit einer Stripperin.

Seine erste große Reportage Palestine über, na, ist klar, wurde ein genredefinierender Klassiker, dem eine Reihe weiterer Bände über Konflikte auf dem Balkan und im Nahen Osten folgte, sowie einige kürzere Stücke, unter anderem über den Irakkrieg. Der 60-Jährige ist nicht enorm produktiv, in fast 30 Jahren hat er etwas mehr als ein Dutzend Bücher veröffentlicht, aber das liegt wohl vor allem an seiner akribischen Art zu arbeiten. Jedes Detail zählt, auch wenn es nur um Kleinigkeiten geht, etwa die Teilnahme an einem Outdoor-Koch-Wettbewerb.


Diese Akribie ist auch wichtig, wenn es um den großen Zusammenhang geht. Sacco spricht nicht mit drei, vier Protagonisten, wie es im Journalismus üblich ist, um dann unter Zugabe einiger Daten und Fakten etwas Simples mit Anfang, Mitte und Ende zu erzählen, als sei die Realität eine Art Handlung, die sich ordentlich von einem Punkt zum anderen aufreihen lässt. Nein, Sacco spricht mit unzähligen Leuten: Hier ein Häuptling und da eine Aktivistin, mal eine Alte und mal ein Junger, hier einer, der für die Dene wirtschaftliche Perspektiven sucht, dort einer, der sich um die Gemeinschaft sorgt.

Und je mehr Perspektiven zu Wort kommen, umso mehr Fragen tauchen auf: Ist Fracking gut? Oder schlecht? Macht die Sozialhilfe die Leute träge? Oder rettet sie vorm Verhungern? Was ist mit den staatlichen Jobs, die in einigen Orten die einzige Option für regelmäßige bezahlte Arbeit sind? Oder lässt sich was aus den Traditionen machen? Sollte überhaupt was aus den Traditionen gemacht werden? Oder sollen etwa alle Dene wieder in die Wildnis ziehen?

Wirklich einig sind sich die Gesprächspartner nur in einem: Die Zwangsverschulung der Dene-Kinder, die ab 1920 aus ihren Gemeinschaften gerissen und im schlechtesten Fall missbraucht, im besten Fall in übelsten Internaten psychisch gebrochen wurden, war das Grauen – sogar das Land Kanada hat sich dafür mittlerweile entschuldigt. Das ist auch der Beginn des Abgrunds, in dem die Dene heute leben, aber selbst dort findet Joe Sacco noch eine Ambivalenz: in den Nonnen, die sich damals um die Kinder kümmerten.


Joe Sacco gelingt es, eine Situation in ihrer ganzen Komplexität darzustellen, womit er dem, was gerne als »Wahrheit« bezeichnet wird, erstaunlich nahekommt. Das ist eine Form des Journalismus, die es fast nicht gibt, und das exakte Gegenteil von Fake News, weshalb die Medien eigentlich voll davon sein müssten. Doch das Buch zeigt auch, warum das nicht so ist: Am Ende steht keine Erkenntnis, keine Moral, kein Richtig oder Falsch – du lernst viel, aber wie du es findest, musst du selber wissen. Das ist ein sehr erwachsener Ansatz, den es sonst kaum gibt, denn Orientierung bedeutet in den Medien fast immer, auch eine Meinung mitzuliefern. Zudem ist die journalistische Ausbildung eher phänomenologisch ausgerichtet, also an News orientiert, als komplex, also an Zusammenhängen, und so ist Komplexität dem Journalismus eher fremd. Und schließlich braucht Sacco fast 260 Seiten für seine Reportage – welches Printmedium würde nur ein Zehntel für eine Geschichte bereitstellen?

Abgesehen davon ist das Buch übrigens auch eine Augenweide: Sacco fährt in kleine Orte und stapft durch dichte Wälder, erlebt rutschige Schneestraßen und bunte indigene Feste – und zeichnet alles minutiös auf. Dabei formen die Panels in kleinen und großen Wellen fast nebenbei Splash Pages, die über die Seiten schwappen, als könne die Wirklichkeit nur in Bildern dargestellt werden, die ineinander verfließen. Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus diesem Buch: Die Wahrheit ist kein Stein – sie ist ein Fluss.

[Peter Lau]

Abbildungen © 2020 Edition Moderne


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