Frisch Gelesen Folge 171: Engels – Unternehmer & Revolutionär

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Edition 52 Veröffentlicht: Montag, 17. August 2020 Geschrieben von Bernd Hinrichs

 »Du sitzt hier und arbeitest deine Finger kaputt, wenn in Elberfeld Geschichte geschrieben wird?«


FRISCH GELESEN: Archiv


Engels – Unternehmer & Revolutionär

Story: Christoph Heuer, Fabian W. W. Mauruschat, Uwe Garske
Zeichnungen: Christoph Heuer

Edition 52
Softcover | 154 Seiten | s/w | 18,00 €
ISBN: 978-3-94875549-2

Genre: Biografie

Für Leser, die das mögen: Reinhard Kleist, Freistaat Flaschenhals, anspruchsvolle Geschichte



Ich bin eigentlich kein großer Freund von biografischen Comics. Ich halte es für fast unmöglich, ein vielschichtiges, interessantes Leben auf einigen Seiten mit ein paar Panels darzustellen. Stets habe ich das Gefühl, ich werde durch das Leben getrieben. Dies muss vor allem dann zu einem Problem werden, wenn sich die Kreativen eine Figur wie Friedrich Engels zur Darstellung heraussuchen.

Engels, der heutzutage fast ausschließlich in einem Atemzug mit Marx genannt wird, ist von den beiden Sozialrevolutionären nämlich die widersprüchlichere Persönlichkeit. Ganz offensichtlich scheint es aus heutiger Sicht kaum vereinbar zu sein, als erfolgreicher Unternehmer tätig zu sein und gleichzeitig Kommunist. Engels war beides. Sein Leben spielte sich zwischen dem sich in Bewegung befindlichen England – einerseits die herrschende Klasse und andererseits das erwachende Proletariat – und dem starren Preußen ab. Er stammte aus einer streng religiösen Unternehmerfamilie aus dem heutigen Wuppertal. Auch hier Gegensätze: ein Leben zwischen Gottesfurcht und Arbeiterelend. Das wurde zu seinem Antrieb.


Strenge Erziehung: der kleine Fritz als Spross einer Unternehmerfamilie.


Es ist die große Leistung des Comics, dass es Christoph Heuer, Fabian W. W. Mauruschat und Uwe Garske gelingt, diesen Zwiespalt für den Leser aufzudecken. Darzustellen, warum Engels der wurde, der er war. Dafür haben sich die Kreativen die frühesten Schriften Engels' vorgenommen, die Briefe aus Wuppertal, die in dem Buch die Rahmenhandlung bilden.

Sie porträtieren einen Mann, einen enthusiastischen Kämpfer, der immer einen Schritt hinter dem großen Marx stand, ohne sich dabei zu verstecken. Das kreative Trio zeigt uns, dass Engels der effiziente Organisator hinter Marx war. Er wurde ihm ein Freund und zahlungskräftiger Unterstützer seiner Arbeit. Eine große Herausforderung war sicherlich die Umsetzung der nonlinearen Erzählweise. Denn der Band folgt seinem Leben nicht chronologisch, sondern thematisch.


Beeindruckende grafische Umsetzung: Dominante Schwarztöne lassen kaum Hoffnung zu.


Besonders hat mich die grafische Umsetzung des Bandes beeindruckt. In der Haupterzählung dominieren die schwarzen Töne. Der Künstler hat es hervorragend verstanden, die Ausweglosigkeit, die Armut und die Tristesse, vor allem für die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert, zu symbolisieren. Er zeigt uns einen Engels, der gemeinsam mit Marx für eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse kämpft. Ein Kampf scheinbar gegen Windmühlen. Großflächig eingesetztes Schwarz lässt kaum Hoffnung zu.

Und dann der Epilog, der etwas Hoffnung aufkommen lässt. Engels begegnet uns hier als moderner Hipster. Zwar werden auch hier katastrophale Arbeitsbedingungen angeprangert, die sich mittlerweile größtenteils in Länder der sogenannten Dritten Welt verlagert haben, aber am Ende steht der Kampf, steht die gemeinsame Demonstration für mehr Rechte.


Hoffnung im Epilog: Engels als heutiger Hipster.


Heuer schwingt in diesen Teilen des Comics einen leichteren Stift. Die Flächen sind nicht mehr ganz so bedrückend. Hier wollen uns die Kreativen sagen: »Wir haben es selbst in der Hand. Es gibt Hoffnung auf eine Welt mit fairen Arbeitsbedingungen. Der Kampf lohnt sich!«
Über die Aktualität des Buches lässt Heuer in einem Interview keinen Zweifel: »Wenn ich auf die Lebensbedingungen unter den Schlachthofmitarbeitern sehe, dann sieht das fast so aus wie im Manchester des Jahres 1843, wo Engels sein erstes Buch über die Lage der arbeitenden Klasse recherchierte. Ebenso wie damals nimmt der wohlhabende Teil der Gesellschaft diese Bedingungen erst zur Kenntnis, wenn er selber betroffen wird, vorzugsweise durch Seuchen. In Manchester war es die Cholera und bei uns Corona.«

Ein Grund mehr, sich einmal intensiver mit Engels' Biografie zu beschäftigen. Dieser Comic bietet hierfür einen ersten gelungenen Ansatz.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2020 Edition 52


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