Frisch gelesen Folge 93: Hard Boiled (Neue Edition)

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Cross Cult Veröffentlicht: Montag, 17. Dezember 2018 Geschrieben von Stephan Schunck

»Keiner rührt sich. Ich heiße Nixon. Ich bin Steuereintreiber.«


 FRISCH GELESEN: Archiv


Hard Boiled (Neue Edition)

Story: Frank Miller
Zeichnungen: Geof Darrow
Farben: Dave Stewart

Cross Cult
Hardcover | 128 Seiten | Farbe | 30,00 €
ISBN: 978-3-959817-88-2

Genre: Science-Fiction, Action, Thriller, (Neo-)Noir

Für Leser, die das mögen: Frank Miller, Philip K. Dick, Comics für starke Nerven


 

Als ich gehört habe, dass es eine Neuauflage des alten Frank-Miller-Titels Hard Boiled gibt, war ich erst einmal völlig überrascht – eine Neuauflage, jetzt schon? Erst dann habe ich realisiert, dass die ursprüngliche Ausgabe schon vor mehr als 25 Jahren herausgekommen war. Hard Boiled ist zwischen 1990 und 1992 als dreiteilige Miniserie bei Dark Horse erschienen; Frank Miller als Autor und Geof Darrow als Zeichner erhielten dafür 1991 den begehrten Eisner Award.

In Deutschland brachte der alpha comic Verlag Hard Boiled 1991 beziehungsweise 1993 in einer zweiteiligen Hardcover-Ausgabe noch zu DM-Preisen auf den Markt. Schon damals hinterließ diese Ausgabe ein zwiespältiges Gefühl, zum einen aufgrund der Darstellung exzessiver Gewalt in sehr verstörenden Farben, zum anderen aufgrund reiner Äußerlichkeiten, war doch Band eins auf mattem, Band zwei eher auf Hochglanzpapier gedruckt.

Ganz offensichtlich war es jetzt an der Zeit, die Zukunftsvision von Frank Miller erneut einem breiteren Publikum verfügbar zu machen – zumal dessen damalige Vision heute im Zeitalter der Digitalisierung, lernender Roboter und ethisch fragwürdiger Genmanipulation eine unglaubliche Aktualität erfahren hat.
Zudem hat sich Cross Cult nicht darauf beschränkt, eine reine Neuauflage zu drucken, doch dazu später mehr. Jetzt erst einmal von vorne.


Bis in die Helmspitzen bewaffnet: Sicherheitspersonal in Frank Millers Zukunftsvision.

Harry Seitz, Carl Burns oder Harry Burns, zwei Kinder, Inspektor bei der Benevolent Assurance Cooperation, Beruf Steuereintreiber – zumindest in seiner Erinnerung, in der Realität aber Nixon, Einheit Vier, hat es mal wieder zu weit getrieben. Eingepflanzte Erinnerungen und die Verfolgung einer Frau, die beschuldigt wird, falsche Angaben gemacht zu haben, führen zu einem wahren Massaker in den Straßen. Die Beschuldigte, so wenig menschlich wie er selbst, treibt ihn zu einer exzessiven und blutigen Orgie, die in einem Desaster unvorstellbaren Ausmaßes endet. Roboter oder Androiden, deren einprogrammierte Erinnerung ihnen vorgaukelt Menschen mit einem intakten und spießigen Familienleben zu sein, um sie besser kontrollieren zu können, verselbstständigen sich und geraten in eine Art Sinnkrise. Doch letztlich führt die Neuformatierung zu einem unvorhersehbaren Happy End.

                          Immer viel los: Geof Darrows Großstadtszenen ähneln Wimmelbildern.

Das ist alles? Ja, denn in Hard Boiled ist Millers Story eher ein sehr grober Rahmen. Das eigentliche Highlight sind Geof Darrows Zeichnungen. Hier wird die Stärke des Mediums Comic so richtig zelebriert. Was Darrow mit Hard Boiled abliefert, ist ein Juwel, ein künstlerisches Meisterwerk. Der US-Amerikaner Darrow legt mit verbissener Liebe zu Detail den Finger ganz tief in die Wunden einer grotesk anmutenden Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft. Jedes Panel scheint einerseits Dokumentation, andererseits Anklage zu sein. Und jedes Panel verdient es, sich ausführlich damit zu beschäftigen. Irgendjemand hat in Zusammenhang mit Darrows teils doppelseitigen Zeichnungen von Wimmelbildern gesprochen und bringt damit die Sache ganz gut auf den Punkt. Wer sich auf diese Bilder einlässt, wird ein ums andere Mal mit noch so kleinen, teils realistischen, teils widerlichen und abstoßenden Details belohnt (öffentlicher Analverkehr, Sadomaso, Bettler, Gemetzel auf dem Klo, etc.).

 
Neu und alt: Links Dave Stewarts Kolorierung, rechts ein Scan der US-Originalausgabe.

Damit kommen wir auch schon zum Thema Kolorierung und zum größten Unterschied der Neuauflage. In der ursprünglichen Fassung hatte Claude Legris die Farbgebung übernommen. Legris ist ja kein Unbekannter, hatte er doch unter anderem Alef Thau (1983-1998) von Jodorowsky und Arno und später Die Kaltblütigen (1995) von Chauvel und Säec koloriert. Das Ergebnis bei Hard Boiled war eine in dunklen Grün- und Lilatönen gehaltene Melange, die das Ausmaß der Gewaltorgie nicht wirklich erfassen ließ, weil viele der Details völlig untergingen und selbst Blut nur schwarz dargestellt wurde. Welchen Einfluss und welche Kraft eine angemessene Kolorierung hat, konnte wohl noch nie vorher so krass im direkten Vergleich beider Ausgaben gezeigt werden. Vielleicht ist die Kolorierung von Dave Stewart grundsätzlich etwas konservativer, aber dafür kommen die Details von Darrows viel besser zur Geltung; viele Geschmacklosigkeiten werden erst jetzt so richtig deutlich. Die angesprochene Gewaltorgie leidet indes nicht unter der neuen Farbgebung. Das Blut ist jetzt rot, und davon gibt es wahrlich genug.

 
Leichen pflastern seinen Weg: Wo Frank Millers (Anti-)Held hinlangt,
bleibt kein Stein auf dem anderen.

Was kann man letztlich zusammenfassend zur Neuauflage von Hard Boiled sagen? Die Geschichte ist sicherlich nicht Frank Millers szenaristisches Meisterwerk, dafür sind Geof Darrows Zeichnungen und Dave Stewarts neue Kolorierung eine Augenweide. Eine Empfehlung für alte (der Vergleich macht einfach Spaß) und neue Leser (die Ausgabe von Cross Cult ist wirklich vorbildlich).

[Stephan Schunck]

Abbildungen © 2018 Cross Cult/Dark Horse Comics


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