Frisch Gelesen Folge 146: Lars – Der Agenturdepp

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Cross Cult Veröffentlicht: Montag, 24. Februar 2020 Geschrieben von Mechthild Wiesner

 

»Totgeficker Wichspimmel! Stirb bitte sofort. Bah.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Lars – Der Agenturdepp

Story: Andre Lux
Zeichnungen: Andre Lux

Cross Cult
Hardcover | 36 Seiten | s/w | 12,99 €
ISBN: 978-3-96658046-5

Genre: Cartoon, Graphic Novel, Funny

Für Leser, die das mögen: Egon Forever!, Realsatire, Menschen, die einen Realitätscheck brauchen


 

Ich bin schon seit Längerem ein glühender Fan von Egon Forever! In seinen Cartoons erzählt Andre Lux von Alltagsbanalitäten, aktuellem politischem Gemenge und den neuesten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik, kurz: es geht um alles. Egon gibt es, seit Andre Lux mit elf Jahren anfing, im Unterricht auf Papier Strichmännchen zu zeichnen. Aus der Punk- und Hardcoreszene kommend folgte er der Idee, Statements mit den Mitteln zu erzeugen, die gerade da sind. In seinem Fall also kariertes Papier, ein Stift und Tipp-Ex. Wobei ich mir vorstellen kann, dass bei Egons Geburt Lux im zarten Alter von elf Jahren noch nicht solche tiefschürfenden Gedanken umgetrieben haben.

Wie dem auch sei, Egon war geboren und trieb lange Jahre im Verborgenen sein Unwesen, bis das Internet endlich groß genug war. So fingen die Cartoons an, sich viral zu verbreiten, wobei auch vorher schon verschiedene Magazine und Verlage Egon Forever! abdruckten. Auf der Homepage sind sie (fast) alle versammelt; die Cartoons der vergangenen acht Jahre sind dort abrufbar. 2016 hat der Ventil Verlag Egon ein Buch gegönnt, der Mensch braucht ja auch mal was zwischen die Griffel.

Da Lux aber von seiner Figur nie leben konnte, ist er verschiedenen Konzepten der Lohn-und-Brot-Idee nachgegangen. Dazu gehörte unter anderem eine einjährige Anstellung als Trainee bei einer Münchener Medienagentur. Dort hat er aber so gründlich sein Fett wegbekommen, dass er dem Agenturleben danach nicht nur abschwor und sich endgültig einer sinnhaften Anstellung zuwendete. Die Erfahrungen dieses einen Jahres reichten auch für seinen ersten eigenständigen Comic aus, Lars – der Agenturdepp.


Menschen, die morgens gut gelaunt an der Kaffeemaschine stehen, möchte wirklich niemand.

Eigentlich kommt diese Graphic Novel recht harmlos daher: Den Zeichenstil kennen wir alle vom Egon. Maximal minimalistische Strichmännchen und -weiblein in ebenso kargen Settings, den symmetrischen und dadurch monotonen Panelaufbau und die Ausbesserungen mit Korrekturflüssigkeit. Faszinierend, wie einer mit so wenig Mitteln so kraftvoll erzählen kann. Es ist nicht nur der Inhalt, die Zeichnungen sind ebenso dafür zuständig, sich sofort mit Lars identifizieren zu können.

Denn mal ehrlich: Wer von uns hat in seinem/ihrem Leben noch keinen sinnentleerten Job gemacht? Der Kohle wegen oder weil man sich sonst was davon erhofft hat. Um dann festzustellen, dass man von Menschen umgeben ist, die es anscheinend unfassbar geil finden, sich total ausbeuten zu lassen und/oder Dinge zu tun, deren Wert für die Gesellschaft sich im zweistelligen Minusbereich bewegt. Menschen, die ihre Mittelmäßigkeit abfeiern und bei denen einen das Gefühl beschleicht, durch die bloße Anwesenheit anzuecken. Viele von den immer auf einer Seite abgeschlossenen Gags in Lars sind zwar agenturspezifisch, das meiste lässt sich aber ganz leicht auf alle möglichen x-beliebigen Arbeitsstellen übertragen.


Wir sollten alle einmal im Leben die Chuzpe haben, einen Abgang wie Lars hinzulegen.

Was aber anfänglich wirkt wie eine Aneinanderreihung von peinlichen Büroanekdoten aus einem miesen Arbeitsfeld, entwickelt sich im Verlauf des Comics zu einer zusammenhängenden Geschichte. Gerade davon, wie das alles eben nicht nur haha, hoho, lustig ist, die dummen Sprüche an der Kaffeemaschine, die peinlichen E-Mails, die hirnlosen Motivationsansprachen der Chefs. Lux geht es auch darum, zu erzählen, wie er da rausgekommen ist und dass auch andere das können, wenn er das geschafft hat.

Und plötzlich haben diese kleinen, zugegebenermaßen, sehr lustigen Gags echten Tiefgang und eine politische Aussage in einer Ernsthaftigkeit, wie sie schon bei Egon Forever! durchblitzt. Mich hat das Ende sehr persönlich und sehr unvorbereitet getroffen und damit seine Wirkung voll entfaltet. Denn auch, wenn es mich nicht direkt dazu bewegt, meinen eigentlichen Lohn-und-Brot-Job zu kündigen, hat es mich doch mal wieder zum Innehalten und zum Justieren der eigenen Werte gebracht.

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2019 Cross Cult


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