Frisch Gelesen Folge 190: Little Bird 1

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Cross Cult Veröffentlicht: Montag, 07. Dezember 2020 Geschrieben von Mechthild Wiesner

 »Befreie die Axt. Rette die Menschen.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Little Bird – Buch Eins: »Der Kampf um Elder’s Hope«Das Titelbild von Little Bird

Story: Darcy Van Poelgeest
Zeichnungen: Ian Bertram

Cross Cult
Hardcover| 208 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-966582-10-0

Genre: Science Fiction, Fantasy, Action/Adventure

Für Leser, die das mögen: Saga, The Handmaid’s Tale, Akira



Kanada, gelobtes Land! Dieses Credo scheint aktuell einen hohen Stellenwert in US-amerikanischen dystopischen Erzählungen zu haben. Das eigene Land geht den Bach runter, also schielt man dahin, wo irgendwie schon immer alles besser war. Und den attraktiveren Premier haben die ja sowieso, in jeder Hinsicht. The Handmaid’s Tale (deutsch: Der Report der Magd) hat es vor 35 Jahren vorgemacht. In einer zerstörten und zerrütteten Welt ordnen sich die USA neu in einer faschistoiden Gesellschaft, die auf der Basis einer fundamentalistisch-christlichen Weltordnung steht. Einzig Kanada scheint das letzte bestehende Bollwerk gegen die menschenverachtende Diktatur zu sein.


Die Widerständler Little Bird und die Axt hinterlassen Blut, Gemetzel und epische Bilder.


So ist auch die Ausgangsposition in dem 2020 mit einem Eisner Award ausgezeichneten Comic Little Bird. Im Gegensatz zu Handmaid’s Tale ist der Fokus, gerade zu Beginn, auf Kanada gerichtet, wo sich der letzte Widerstand befindet. Little Bird, ein junges Mädchen, Einzelkämpferin und eine der letzten Rebellinnen, erhält von ihrer Mutter einen Auftrag. Sie soll den wichtigsten Widerständler namens die Axt befreien und mit ihm die Menschheit erretten. Ihr Widersacher ist der Bischof, dessen Sitz sich im New Vatican, irgendwo in den Trümmern der alten USA befindet. So entbrennt eine epische Schlacht zwischen diesen beiden Seiten. Viele Hintergründe werden nur angerissen oder in kleinen Fetzen enthüllt. Es scheint aber, dass die neue amerikanische Weltordnung einen technikaffinen Ansatz verfolgt. Genetische Veränderungen am Menschen sind an der Tagesordnung und der Bischof nutzt diese, wenn sie zu seinem Vorteil sind. Little Bird hingegen scheint unter einer indigenen Bevölkerung aufgewachsen zu sein und wird als sehr naturbezogen dargestellt. Gleichzeitig ist aber auch sie genetisch verändert und bezieht ihre Kampfstärke hieraus, sodass ein gewisser Kräfteausgleich vorliegt. Im Laufe der Geschichte werden einige Geheimnisse aufgedeckt, die für spannende Wendungen in der Story sorgen.


Eine imposante Erscheinung: Little Birds Mutter.


Little Bird
ist ein Gemeinschaftswerk von Darcy Van Poelgeest und Ian Bertram. Van Poelgeest ist bisher als Filmemacher in Erscheinung getreten und hat mit seinen düsteren, oft auch brutalen und sehr dichten Storys wie Corvus und The Orchard viele kanadische Preise abgeräumt. In Little Bird wagt er sich zum ersten Mal an eine epische Dystopie, die aber in Brutalität und surrealer Darstellung ganz seine Handschrift trägt. Bertram kommt aus der klassischen amerikanischen Zeichenkultur und hat sich bisher durch das Zeichnen von Superheldencomics wie Batman Eternal oder Wolverine and the X-Men verdient gemacht. Mit Little Bird bricht er mit dem Superheldencomic und wagt einen Stil, der mehr an den der BD erinnern, mit starken Einflüssen von Mœbius. Detailreiche Großaufnahmen wechseln sich ab mit überladenen Kampfszenen, die aber nie überfordern, sondern nur das Tempo angemessen anziehen. Die Brutalität der Geschichte selbst wird durch die grafische Darstellung stark unterstrichen.


Die Kinder! Mit Kindern lässt sich immer Rührseligkeit erzeugen.


In den USA erschien der Comic in Heftform als einzelne Episoden, Cross Cult hat nun den ersten Sammelband in einer fulminanten und großen Hardcover-Edition verlegt, der dem epischen Charakter der Erzählung gerecht wird. Die Reihe ist noch nicht abgeschlossen, es ist bereits eine Weiterführung angekündigt. Die Frage ist, ob die Story es im weiteren Verlauf schaffen wird, diesen Anspruch zu halten und mehr an Tiefe zu gewinnen. Denn so martialisch und groß, wie der Comic daherkommt, so dagewesen war das alles schon einmal. Hier sind Anleihen an so ziemlich alle großen Dystopien zu finden. Und der Ansatz, dass die böse Seite technikaffin ist und die gute naturbezogen, ist nicht nur klischeehaft, sondern auch eine verkitschte Sichtweise auf indigene Menschen, die inzwischen nicht mehr zu halten ist. Doch trotz dieses Wermutstropfens ist Little Bird ein kurzweiliger und bildgewaltiger Comic, mit atemberaubendem Tempo erzählt.


Für Land und Wasser … wer hier alle indigenen Klischees findet, bekommt eine Packung Fair Trade Kaffee von mir geschenkt!

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2020 Cross Cult


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