Frisch Gelesen Folge 138: Reiche Ernte, Bd. 1

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Panini Veröffentlicht: Montag, 23. Dezember 2019 Geschrieben von Bernd Hinrichs

 

»Unter dem bleichen Licht des Mondes erfüllte das Räderwerk seine Bestimmung.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Reiche Ernte, Bd. 1

Story: Matthias Bauer
Story/Zeichnungen: Chris Scheuer

Panini
Hardcover | 70 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 978-3-7416-1445-3

Genre: Grusel

Für Leser, die das mögen: Bernie Wrightson, Hermann, Sir Ballantime


 

Für mich ist es die Überraschung des Herbstes: Chris Scheuer ist zurück! Der geniale Zeichner von Sir Ballantime, Marie Jade und Morgana. Dass er nie den Kontakt und vor allem das Interesse an der Comicszene verloren hat, davon konnte ich mich vor ein paar Monaten persönlich überzeugen, als ich im Zuge eines Beitrages persönlich Kontakt zum österreichischen Zeichner hatte. Da erbat er sich ein paar Ausgaben der Reddition, deren Beiträge er immer gerne gelesen hat. Ich war deshalb umso froher, als Panini einen Band mit neuem Material ankündigte. Und Scheuer kommt nicht alleine. Mit im Gepäck hat er den 1973 in Lienz geborenen Schriftsteller Matthias Bauer.

Reiche Ernte enthält fünf düstere Kurzgeschichten sowie diverses Zusatzmaterial. In den Geschichten geht es um dunkle Dorfgeheimnisse, mysteriöse Ereignisse in den Stätten der Hölle auf Erden – den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten – oder um paranoide Menschen. Was oder wer auch immer im Mittelpunkt von Bauers Geschichten steht, stets gelingt es dem Schriftsteller, eine düstere Atmosphäre zu entwickeln und die Geschichten nach einigen Wendungen zu einem völlig überraschenden Gänsehaut-Ende zu führen.


Düstere Kurzgeschichten voll mysteriöser Ereignisse.

Die Art, wie Bauer seine Geschichten aufbaut, erinnert an die große Zeit der EC-Horror- und -Gruselcomics. Atmosphärisch dicht erzählt, mit einem langsam von Panel zu Panel gesteigerten Grauen. Gutes Beispiel hierfür ist die Erzählung »Schatten«. Je tiefer Bauer den Leser in die Lebenswirklichkeit des im Vordergrund stehenden Paares führt, desto größer wird das Schaudern – aus Liebe wird Wahnsinn, aus Leben Tod. Obwohl es sich in dem Band ausschließlich um Kurzgeschichten handelt, hat der Leser das Gefühl, dass Bauer sich Zeit lässt mit seinen Erzählungen.

Die sachte Steigerung des Grauens bis hin zum furchtbaren Finale wäre kaum möglich ohne die zeichnerisch adäquate Umsetzung. Scheuer bereitet den Boden, auf dem Bauer erzählen kann. Davon kann sich der Leser gleich auf der ersten Seite der ersten Geschichte überzeugen. »Das Modell« beginnt damit, dass ein Mann durch einen Wald flieht. Zweites Panel: sein erschrockener Blick zurück. Drittes Panel: Er stolpert über einen Stock, um im vierten Panel ins dunkle Nichts zu stürzen.


Sturz ins dunkle Nichts: die erste Geschichte »Das Modell«.

Scheuer fängt den Wald in großer Bedrohlichkeit ein. Er verwendet als einzige Farbe Blau. Dadurch werden seine Zeichnungen noch kälter und lebensfeindlicher. So wird schnell klar, vor was der Mann auch fliehen mag, dass der Wald ihm keinen Schutz bietet. Die Zeichnungen sind mit Details gespickt, die an den großen Bernie Wrightson erinnern. In jedem Panel gibt es unzählige Dinge zu entdecken. Scheuer ist stets mit viel Liebe zum Detail am Werk, ohne seine Bilder sinnlos zu überfrachten. Alles dient der Erzeugung einer gewünschten Atmosphäre.


Scheuers ganzes Können: die Geschichte »Nicht mehr lange«.

Ein schönes Beispiel findet sich in der vierten Geschichte »Nicht mehr lange«. In der Darstellung eines Drogensüchtigen, der nach seinem letzten Schuss in seinem Sessel sitzt, zeigt sich Scheuers ganzes Können. Seine Zeichnung trieft, ist dreckig, schmierig und spiegelt perfekt die Lebensumstände des Mannes wider. Die Beruhigung in seiner Gestik, weil er sich endlich den Schuss setzen konnte, findet sich in den Orangetönen des Panels wieder. Wir lehnen uns zurück. Endlich, runter von der Straße. Die Drogen wirken bereits. Entspannung. Das sagen die Farben. Dazu das Schmierige und Dreckige – voller Kontrast. Scheuers Zeichnungen sind ein Fest für die Augen. Jedes Panel.

Mit Reiche Ernte meldet sich Chris Scheuer eindrucksvoll in der Comicwelt zurück. Er war nie ganz weg und doch merke ich beim Lesen des Bandes, wie sehr er gefehlt hat. Gut, dass der Band die Nummerierung »1« trägt – von insgesamt drei Bänden, wie das Vorwort verrät. Da kommt also noch was.

[Bernd Hinrichs]


Von der Szizze zum fertigen Comic: Reiche Ernte bei der Entstehung.

Abbildungen © 2019 Panini


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