Frisch Gelesen Folge 153: Das Kabinett der Wunder

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Panini Veröffentlicht: Mittwoch, 15. April 2020 Geschrieben von Falk Straub

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FRISCH GELESEN: Archiv


Das Kabinett der Wunder: Skurril-surreale Storys

Text: Gustavo Duarte
Zeichnungen: Gustavo Duarte

Panini
Hardcover | 100 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 978-3-7416-1771-3

Genre: Funny, Kurzgeschichten

Für Leser, die das mögen: Monster!, Cartoons, Karikaturen, Stummfilmkomödien


 

Ostern 2020: Papst Franziskus steht hell erleuchtet auf den Stufen des Petersdoms. Rings um den Pontifex nur Dunkelheit und Leere. Die Abwesenheit der Gläubigen scheint ihn zu verschlucken. Bilder wie diese, die die Folgen des Coronavirus gebären, sind surreal. Sie könnten glatt Gustavo Duartes Eingebung entsprungen sein. Zwar zaubert der Brasilianer lieber menschengestaltige Tiere in skurrilen Alltagssituationen als klerikale Würdenträger aufs Papier oder Menschen, die sich in schönster B-, C-, und Z-Movie-Manier seltsamen Monstern erwehren. Sein schwungvoller, nur vermeintlich simpler Strich und seine aufs Wesentliche reduzierte Seitenarchitektur können es mit den Mysterien des Osterfests aber mühelos aufnehmen. Seiten wie die folgende aus Monster! sind schlicht wunderbar:

Monster! machte Duarte vor drei Jahren einem breiteren Publikum bekannt, also all jenen, die ihre Nasen nicht ständig in Superheldenstorys stecken. Längst verdient der 1977 geborene Zeichner sein Geld auch bei großen Verlagen wie DC, Marvel und Dark Horse. Eine für ihn ungewohnte Arbeit, hält er bei seinen Eigenproduktionen doch immer alle Fäden – von der Geschichte über die Zeichnungen und Farben bis zum Buchdesign – in der Hand, wie er Panini-Sales-Manager Alexander Bubenheimer in einem Interview für das Bonusmaterial der deutschen Ausgabe von Monster! verriet. Der Band versammelte drei Kurzgeschichten, die Duartes Anfänge als Karikaturist und Illustrator verdeutlichen: klare Linien, keine Worte. Wie prächtig, vor allem aber wie allgemein verständlich Duartes selbst erdachte Geschichten funktionieren, zeigt auch sein jüngster Sammelband, etwa hier:

Haarspalter würden angesichts solcher Seiten wohl nicht von Comics sprechen, weil der Brasilianer seine Geschichten zwar sequenziell in Bildern, aber (fast ausschließlich) ohne Sprache erzählt. Gerade darin zeigt sich jedoch Duartes große Kunst, die ihn gleichermaßen als würdigen Erben großer Karikaturisten, Surrealisten und Stummfilmkomiker ausweist.

Das Kabinett der Wunder vereint neun Geschichten, die zwischen 2009 und 2019 erschienen sind, einige davon nur eine Seite kurz und doch besser als manches Album. Die zehnte und letzte Geschichte hat Duarte exklusiv für die deutsche Ausgabe beigesteuert. Darin bekommt es ein alter Bekannter mit einem gefräßigen Sandwich zu tun. Es bleibt nicht der einzige Auftritt des vertrauten Gesichts. Barbesitzer Pinô eröffnet und beschließt diesen kleinen, sehr, sehr feinen Band. Mit weißem Rauschebart und drahtiger Erscheinung erinnert er stets ein wenig an eine Mischung aus hippem Großvater, Gott und Miraculix. Brachte er in Monster! in dezent gesetzten Blautönen und mit der ihm eigenen, auf dieser Seite demonstrierten Gelassenheit ...


... die titelgebenden Ungetüme beiläufig und behänd zur Strecke, so bekommt es Pinô im Kabinett der Wunder mit unheimlich attraktiven, aber nicht minder unheilvollen Gegenspielerinnen zu tun:

Wie Duartes Figuren wissen auch die Leserinnen und Leser nie, was sich alles in diesem Kabinett verbirgt. Von gestressten Elefanten-Lieferanten über unzufriedene Mumien bis zu terrorisierenden Gartenzwergen ist alles vertreten. Der ganz normale Wahnsinn eben, mal mit provokanten, mal mit pikanten Pointen versehen und wundervoll koloriert. Setzte Duarte in Monster! nur vereinzelte Tupfer, greift er dieses Mal üppig in den Farbkasten. Das Ergebnis ist ein kleines Gesamtkunstwerk, das narrativ besticht und visuell betört.

 [Falk Straub]

Abbildungen © 2017, 2020 Panini


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