Frisch gelesen Folge 89: Ein Stern aus schwarzer Baumwolle

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: All Verlag Veröffentlicht: Montag, 19. November 2018 Geschrieben von Falk Straub

»Für mich waren Justin und Tommy dieser schwarze Stern geworden ... Und ich wollte, dass er lebt!«


FRISCH GELESEN: Archiv


Ein Stern aus schwarzer Baumwolle Stern schwarzer Baumwolle Cover normal

Story: Yves Sente
Zeichnungen: Steve Cuzor

All Verlag
Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 29,80 €
ISBN: 978-3-946522-16-4

Genre: Krieg, Abenteuer, Drama

Für Leser, die das mögen: historisch-politische Graphic Novels


Dieser Comic schreit geradezu nach einer Verfilmung. Schon die von Yves Sente erdachten Figuren erinnern in Steve Cuzors Ausführung an berühmte Schauspieler, Musiker und Entertainer. Protagonist Lincoln Bolton sieht aus wie ein junger Denzel Washington, sein Kumpel Tom Conor wie Sammy Davis, Jr. und einer ihrer Vorgesetzten wie der alte Gary Cooper. Aber auch die soziale Sprengkraft der Handlung ist filmreif. Wie Ava DuVernays Selma (2014) über einen kurzen Abschnitt der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Jr., wie Kathryn Bigelows Detroit (2017) über die Rassenunruhen in der Autostadt, wie Dee Rees' Mudbound (2017) über zwei Kriegsheimkehrer und deren Familien vermittelt auch Ein Stern aus schwarzer Baumwolle afroamerikanische Geschichte mit emotionaler Wucht und transportiert deren Dringlichkeit direkt in unsere Gegenwart. Und darum geht's ...


Eine der zwei Zeitebenen: Philadelphia, 1776.

Dover, England, Mai 1944: Der Soldat Lincoln Bolton steckt in einem Potemkinschen Dorf fest. Um der Luftaufklärung der Nationalsozialisten einen falschen Landungsort der Alliierten vorzugaukeln, schiebt er mit seinen Kameraden aufblasbare Panzerattrappen von A nach B. Der D-Day rückt näher, Boltons Frust wächst. Schwarze sind nicht für den Fronteinsatz vorgesehen. Heldentaten scheinen einzig den Weißen vorbehalten, während Bolton & Co. Latrinen schrubben. Doch dann wendet sich das Blatt. Lincoln erhält Post von seiner Schwester.

Raleigh, North Carolina, Juni 1944: Johanna Bolton studiert an der St. Augustine's University Geschichte, als sie eine Erbschaft mit weitreichenden Folgen macht. Im Besitz ihrer verstorbenen Tante Camilia Brown findet sie ein Tagebuch aus dem Jahr 1777 und beginnt mit der Lektüre.

Philadelphia, Pennsylvania, 1776: Mitten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beauftragen die Sezessionisten um General George Washington die Witwe Betsy Ross mit der Anfertigung der ersten Flagge der zukünftigen Vereinigten Staaten. In Gedenken an ihre ermordeten Brüder näht Ross' schwarzes Hausmädchen Angela Brown unter einen der dreizehn weißen Sterne heimlich einen schwarzen. Johanna findet heraus, dass die Fahne den Unabhängigkeitskrieg überdauert und ihren Weg nach Deutschland gefunden hat. Lincoln und zwei seiner Kameraden werden den Monuments Men, einer Abteilung zum Schutz des Kunstguts, zugeteilt, um das bedeutende historische Artefakt aus den Klauen der Nazis zu befreien.

 
Die Monuments Men an der Front.

In vier Kapiteln, einem Prolog und einem Epilog mischt Yves Sente Fakten und Fiktion. Seine Grundidee, eine vom Rassismus ihrer Zeit schwer gebeutelte Frau, die sich in einem Akt der Selbstermächtigung klammheimlich in die Geschichte ihrer Nation einschreibt, ja einnäht, das hätte sich Hollywood nicht schöner ausdenken können. Der knapp 170-jährige Bogen US-amerikanischer Geschichte von einem Befreiungskrieg zum anderen ist klug gespannt. In der langen Zeit dazwischen hat sich (zu) wenig verändert. Die Ungleichheit, die schon zu Zeiten der Gründerväter deren Gesetzestext konterkarierte, reicht freilich über den Zweiten Weltkrieg hinaus und bleibt bis in unsere Gegenwart eine schreiende Ungerechtigkeit. Und doch sind Sentes Figuren nicht verbittert.

Eine von Steve Cuzors Illustrationen zum Comic.

Mit wenigen Eigenschaften umreißt Sente Charaktere, die durch ihren unerschütterlichen Glauben an Veränderung, durch die Blicke, die sie einander zuwerfen, und die Worte, die sie miteinander wechseln, mal im direkten Gespräch mal in der schriftlichen Korrespondenz, zugleich Tiefe und Leichtigkeit ausstrahlen. Jedes Kapitel ist einem anderen Protagonisten gewidmet und doch kommen alle in allen vor, weil der Szenarist deren Handlungsstränge vortrefflich miteinander verflicht. Steve Cuzor wirft sie mit leichtem Strich und streng symmetrischer Seitenarchitektur aufs Papier. In seinen von Meephee Versaevel mit reduzierter Farbpalette kolorierten Panels ist kein Strich zu viel. Diese Reduktion lässt die Ereignisse umso heftiger nachhallen. Ein Stern aus schwarzer Baumwolle ist Drama, Kriegsgeschichte und Survivalthriller, faszinierend fabulierte Geschichtsstunde und politisches Plädoyer. Ziemlich viel auf einmal und doch vollkommen mühelos dargeboten.

 [Falk Straub]

Abbildungen © 2018 All Verlag


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