Das Frühjahr bei avant - Interview zu den Neuheiten 2019

Veröffentlicht: Sonntag, 23. Dezember 2018

Zwölf neue Titel und zwei alte, in einem Doppelalbum zusammengefasst und noch einmal aufgelegt, stehen im Programm des Berliner avant-verlags für das erste Halbjahr 2019. CRON wirft einen Blick auf die Novitäten und hat mit sich mit Verlagsleiter Johann Ulrich über Bestseller und schwierige Titel, über Sinn und Zweck von Kulturförderung und jede Menge neue Comics unterhalten – von Künstler- und Politikerbiografien über seltsame Prinzessinnen bis zu Trapper- und Indianergeschichten.

CRON fragt Johann Ulrich.
Der Verlagsleiter im Gespräch

Bevor wir uns 2019 widmen, lass uns kurz zurückblicken. Welche Titel liefen 2018 gut, von welchen habt Ihr Euch mehr versprochen?

Wir sind rundherum zufrieden mit dem abgelaufenen Jahr. Einundzwanzig Neuerscheinungen und noch mehr Nachdrucke stehen für ein extrem erfolgreiches Jahr. Besonders gut laufen die beiden Titel der schwedischen Autorin Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt und Der Ursprung der Liebe. Seit einigen Tagen gibt es beide Bücher zudem in einer leinengebundenen Extra-Edition für die Weihnachtszeit. Aber auch Titel wie Der Umfall, Nieder mit Hitler!, Black & Proud befinden sich schon nach kurzer Zeit am Markt in der zweiten Auflage, obwohl wir die Startauflage von Anfang an schon erhöht hatten.
Es gibt keinen Titel, mit dem ich nicht zufrieden bin. Sicher gibt es schwierigere Titel wie Die schwebenden Liebenden, von vornherein eher für ein kleineres Publikum – das wussten wir ja auch vorher. Aber gerade dafür erhalten wir enthusiastisches Feedback. Unser Marktanteil im Buchhandel ist 2018 auf über fünf Prozent geklettert, ein schöner Erfolg für einen unabhängigen Kleinverlag.




Im abgelaufenen Jahr war auch Comic-Salon. Im Anschluss an eine Podiumsdiskussion, bei der Du auf der Bühne saßt, gab es Kritik aus dem Publikum an der Praxis, Comickünstler durch Geld aus Fördertöpfen und Stipendien zu unterstützen. Sinngemäß lautete der Vorwurf, dass der deutschen Branche der Mut fehle und Comics am Markt vorbei subventioniert werden würden, die niemand lesen wolle. Das von Dir damals vorgestellte Beispiel, Mikael Ross' Der Umfall, taucht nun am Jahresende in diversen Bestenlisten auf und erfreut sich großer medialer Präsenz. Was entgegnest Du den Kritikern?

Mediale Präsenz ergibt sich ja nicht zufällig aus der Qualität eines Titels, da steckt professionelle Pressearbeit dahinter. Diese Tatsache wird leider oftmals negiert. Der Autor Mikael Ross hat seinen preisgekrönten Titel Der Umfall im Auftrag der Evangelischen Stiftung Neuerkerode erarbeitet. Eine mutige Entscheidung vonseiten der Stiftung, denn die externen Bedenken waren groß. Herausgekommen ist für mich »der Comic des Jahres« 2018!
Das Missverständnis der Kulturförderung scheint für einige im Publikum darin zu bestehen, dass wenig Mainstreamtitel gefördert werden. Aber auch da gilt: Eine Förderung fällt nicht vom Himmel, sondern wird erarbeitet. Mir wiederum würde sich der Sinn nicht erschließen, Mainstreaminhalte zu fördern. Soll für Spirou in Berlin ein Stipendium vergeben werden – das wäre ja grotesk! Dieses Prozedere ist in vergleichbaren Medien wie in der Filmförderung ja auch nicht anders. Bei Kulturförderung geht es eben unter anderem darum, eine größere Bandbreite an Inhalten zu ermöglichen, und das ist auch richtig so. Und was heute avantgardistisch daherkommt, ist in ein paar Jahren dann auch Mainstream. Einfach kühlen Blutdruck wahren.




Ein Blick in Liv Strömquists neuen Comic I'm every woman.

Wechseln wir zu einer Künstlerin, die keine Förderung nötig hat, weil sich ihre Comics in ihrem Heimatland wie geschnitten Brot verkaufen. Du hast Sie bereits erwähnt, denn die Schwedin Liv Strömquist ist auch bei Euch ein Bestseller. Neben dem angesprochenen Doppelband legt Ihr nun I'm every woman nach, in dem Strömquist den Mythos des männlichen Genies hinterfragt, vor allem aber die Frauen dahinter zeigt. Trifft sie damit erneut den Nerv der Zeit?

Ganz bestimmt! In ihrem Heimatland Schweden ist sie seit Langem eine Bestsellerautorin. Sie hat dort Startauflagen von 30.000 Stück. Dort hilft natürlich ihre mediale Präsenz mit eigenem TV-Format und einer Radiosendung zudem. Aber ihre Art, das alltägliche Geschlechterverhalten zu demaskieren und mit viel Humor die Absurdität dahinter zu entlarven, trifft einen aktuellen Nerv. Wir haben Kund*innen, die die Bücher mehrfach bestellen, weil sie die Message weiterverbreiten wollen. Die beiden Strömquist-Bücher sind einige der am häufigsten verschenkten Bücher des Jahres.

Einem weiteren männlichen Genie widmet sich Lars Fiske. Seine Graphic Novel über den Maler George Grosz besticht durch ihre außergewöhnliche Form. Auf den ersten Blick scheint der Band mehr assoziative Illustration als Comic, oder täuscht der Eindruck?

Diese Graphic Novel kommt fast ohne Worte aus. Sie ersetzt wohl keine Grosz-Biografie, besticht aber als visuelle Hommage an den großen Skandalzeichner der Weimarer Republik. Vielleicht ein Appetitanreger, um sich mit Grosz Werk neu zu beschäftigen.


Fast ohne Worte: Seite aus Lars Fikes Grosz.

Deutlich farbenprächtiger geht es in Dominique Goblets und Kai Pfeiffers Bei Gefallen auch mehr ... zu. Was kannst Du über den »Sensationserfolg« aus Frankreich verraten? Und weshalb war der Erfolg so sensationell?

Laut Kritikerurteil im Monat seines Erscheinens war die französische Originalausgabe Plus si entente … der »Beste Comic«. Welcher deutsche Zeichner konnte das jemals für sich verbuchen? Ganz richtig ist das natürlich auch nicht, denn es handelt sich ja um eine belgisch-deutsche Koproduktion. Das Autorenduo Dominique Goblet und Kai Pfeiffer teilen sich die Urheberschaft sowohl was die Geschichte als auch die Bilder anbelangt. Eine wirklich interessante Zusammenarbeit, die auf jeder Seite überrascht. Ein Fest für alle Augenmenschen.

Wechseln wir vom Ausland nach Deutschland. Im neuen Programm finden sich vier heimische Comickünstler*innen, deren Inhalte und Stile unterschiedlicher kaum sein könnten. Nehmen wir etwa Simon Schwartz' Comic Das Parlament, der die Biografien von 40 Politiker*innen nachzeichnet, und halten ihm Christiane Haas' quirlige Alltagsabsurditäten in Natürlich bist Du glücklich, wenn Du keine Erwartungen hast entgegen.

Inzwischen wissen wir, dass es sogar 45 Biografien sein werden!

Ähnlich absurd wie bei Haas, zeichnerisch aber wiederum ganz anders geht es in Katharina Greves Die dicke Prinzessin Petronia zu. Warum sollten Fans von Das Hochhaus auch hier zugreifen?

Ansonsten ist die Beobachtung richtig, denn es gibt inzwischen unzählige Autor*innen hierzulande, die großartige Bücher machen. Christiane Haas ist im Frühjahr neu im avant-verlag. Aber sie hat eine Fangemeinde aufgrund ihrer selbst verlegten Bücher und Hefte.
Katharina Greve ist als Titanic-Autorin etabliert, und Das Hochhaus war der Überraschungserfolg der vergangenen Jahre und ist inzwischen in der vierten Auflage. Und wer wollte nicht schon immer wissen, was die Cousine des Kleinen Prinzen, besagte Prinzession Petronia, auf ihrem Planeten erlebt?



Felix Pestemers Im Auge des Betrachters ist »Ein Rundgang durch die Alte Nationalgalerie«, wie der Untertitel verrät. Wie ist der Comic entstanden? Ist das Projekt mit der Reihe französischer Comics über den Louvre vergleichbar? Und eröffnet sich hier ein neues Feld, weitere deutsche Museen in Comicform zugänglich zu machen?

Die Inspiration kam durchaus von den in Frankreich sehr erfolgreichen Reihen mit und über den Louvre beziehungsweise das Musée d’Orsay. Die staatlichen Museen zu Berlin wollten etwas Ähnliches ins Leben rufen. Und Felix Pestemer mit seinem detaillierten Arbeiten ist geradezu prädestiniert, in den Dialog mit den alten Meistern zu treten. Ein wunderbarer Besuch in der Alten Nationalgalerie mithilfe dieser Graphic Novel. Der avant-verlag und Felix Pestemer teilen sich die Studioräumlichkeiten in Berlin, sodass wir unmittelbar am Entstehen beteiligt sind. Eine große Freude!

Kommen wir nun noch zu einer außergewöhnlichen Erstveröffentlichung, weil sie schon einige Jahre auf dem Buckel hat: Héctor German Oesterhelds und Hugo Pratts Ticonderoga. Der Abenteuercomic über den französisch-britischen Kolonialkrieg erscheint in einer restaurierten, zweibändigen Ausgabe im Schuber. Wie habt Ihr diesen Schatz gehoben?

Der Comic war seit vielen Jahrzehnten nur arg miserabel gedruckt antiquarisch erhältlich. Nun gibt es eine restaurierte Fassung von Cong, der Firma, die alle Arbeiten Pratts verwaltet. Im Rahmen unserer Oesterheld-Publikationen (Eternauta und Eternauta 1969) kommt nun ein weiteres Hauptwerk von Oesterheld mit Ticonderoga. Für Kenner eine der schönsten Pratt-Arbeiten überhaupt, entstanden vor 60 Jahren.

Bis zur Leipziger Buchmesse sind es noch knapp drei Monate. Kannst Du denn schon verraten, was Ihr geplant habt?

Wir haben Lars Fiske zu Gast, eine Ausstellung mit Christiane Haas im Riso-Club, und Daria Bogdanska aus Schweden mit ihrem Debüt Von unten. [Weitere Informationen am Ende der Seite, Anm. der Redaktion]

Und zum Schluss noch die obligatorische Frage: Welcher Titel des neuen Programms liegt Dir besonders am Herzen?

Welches Kind ist das liebste? Ticonderoga und I’m every woman – zwei so unterschiedliche Arbeiten, die aber die ganze Bandbreite unseres Programms veranschaulichen. Gute Bücher eben!

 Die Fragen stellte Falk Straub

Abbildungen & Foto © avant-verlag


Neuheiten des 1. Halbjahrs 2019

bereits lieferbar

Liv Strömquist
Der Ursprung der Welt & Der Ursprung der Liebe
280 Seiten, Hardcover, schwarzweiß / teilweise vierfarbig, 40 Euro
ISBN: 978-3-96445-003-6

Januar 2019

Dominique Goblet & Kai Pfeiffer
Bei Gefallen auch mehr …
176 Seiten, Hardcover, 23,5 x 31 cm, vierfarbig, 39,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-21-7

J. P. Gourmelen & A. H. Palacios
Mac Coy – Gesamtausgabe Band 3
208 Seiten, Hardcover, 23 x 30 cm, vierfarbig, 39,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-60-6


Februar 2019

Joann Sfar
Die Katze des Rabbiners – Sammelband 3
200 Seiten, Hardcover, 20,5 x 28 cm, vierfarbig, 34,95 Euro
ISBN: 978-3-964450-005-0

Lars Fiske
Grosz
80 Seiten, Hardcover, 21,5 x 27,5 cm, vierfarbig, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-96445-000-5

März 2019

Katharina Greve
Die dicke Prinzessin Petronia
104 Seiten, Hardcover, 19 x 23 cm, vierfarbig, 20,00 Euro
ISBN: 978-3-945034-93-4

Felix Pestemer
Im Auge des Betrachters. Ein Rundgang durch die Alte Nationalgalerie
104 Seiten, Hardcover, 22,5 x 31 cm, vierfarbig, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-96445-007-4

Christiane Haas
Natürlich bist Du glücklich, wenn Du keine Erwartungen hast
120 Seiten, Softcover, 15,5 x 21 cm, vierfarbig, 16,00 Euro
ISBN: 978-3-96445-004-3

Daria Bogdanska
Von unten
200 Seiten, Softcover, 18 x 25,5 cm, schwarzweiß, 22,00 Euro
ISBN: 978-3-945034-93-4



April 2019

Héctor Germán Oesterheld & Hugo Pratt
Ticonderoga
Mit einem Vorwort von José Muñoz
304 Seiten, 2 Hardcover im Schuber, 22 x 29 cm, teilweise vierfarbig, 50 Euro
ISBN: 978-3-945034-75-0

Mai 2019

Antonio Altarriba & Kim
Der gebrochene Flügel
264 Seiten, Softcover, 17 x 24 cm, schwarzweiß, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-96445-002-9

Liv Strömquist
I’m every woman
112 Seiten ,Softcover, 17 x 23,5 cm, vierfarbig, 20,00 Euro
ISBN: 978-3-964450-001-2

Simon Schwartz
Das Parlament. 40 Leben für die Demokratie
Mit einem Vorwort von Wolfgang Schäuble
104 Seiten, Hardcover, 21,5 x 28,5 cm, vierfarbig, 22,00 Euro
ISBN: 978-3-96445-006-7



Weitere Infos zur Leipziger Buchmesse:

Geplante Veranstaltungen des avant-verlags bisher:

Donnerstag, 21.3.2019:
16:00 Uhr: Christiane Haas - Talk @ LovelyBooks - Buchmesse
20:00 Uhr: Christiane Haas - Ausstellung @ Risoclub

Freitag, 22.3.2019:
Abendveranstaltung Daria Bogdanska (in Planung)

Samstag, 23.3.2019:
13:00 Uhr: Daria Bogdanksa @ Nordisches Forum - Buchmesse
16:00 Uhr: Lars Fiske @ Café GFZK (Moderation Jakob Hoffmann!)

Sonntag, 24.3.2019:
13:00 Uhr: Lars Fiske @ NORLA - Buchmesse


Weiterführende Links:

Homepage des Verlags: avant-verlag