Manga-Eigenproduktionen Teil 1: Carlsen Manga

Veröffentlicht: Mittwoch, 12. Februar 2014

carlsenmanga

Nicht alle Manga kommen aus Japan. Es gibt auch deutsche Eigenproduktionen, die durchaus mit den asiatischen Originalen mithalten können. Dies werde jedoch von den großen deutschen Manga-Verlagen nicht entsprechend gewürdigt. Heißt es. Ein kürzlich vom Tagesspiegel veröffentlichter Artikel attestiert den großen Verlag gar Versagen auf ganzer Linie. Ist das so? CRON hat investigiert.


Stellungnahmen der großen Manga-Verlage

Einleitung (CRON)
Teil 1: Kai-Steffen Schwarz (Carlsen Manga)
Teil 2: Dr. Joachim Kaps (TOKYOPOP)
Teil 3: Jonas Blaumann (Egmont Manga)
Teil 4: Patrick Peltsch (KAZÉ Manga)


Kai-Steffen Schwarz (Programmleiter Carlsen Manga)

Was gibt es zu der Situation, wie in dem Artikel beschrieben zu sagen?

Kai-Steffen SchwarzZunächst mal freue ich mich sehr über den Artikel, weil er mir Gelegenheit gibt, einige Dinge loszuwerden, die mir schon länger auf dem Herzen liegen. :-)

Rein von außen betrachtet stimmt die Bestandsaufnahme insofern, als dass aktuell nur wenige Eigenproduktionen angekündigt sind. Was die vergangenen Jahre angeht, würde ich darauf verweisen wollen, dass wir z.B. von 2007 bis 2009 rund zwei Dutzend CHIBI-Minimanga von einheimischen Mangaka verlegt haben. Einige der Künstler haben danach bei uns Manga-Buchprojekte realisiert, und auch im DAISUKI-Magazin haben wir regelmäßig Eigenproduktionen veröffentlicht. Wenn die Konzepte und die Umsetzung stimmen und die Zusammenarbeit beiderseitig gut läuft, ist uns sehr wohl an Langfristigkeit gelegen. Eine komplette historische Bestandsaufnahme kann ein solcher Artikel natürlich nicht leisten. Ich nehme ihn auch eher als Ansporn auf und nicht als vorwurfsvolle Generalabrechnung. Die mitunter zugespitzte Wortwahl im Text (»Versagen der Großverlage«) parke ich mal unter »jugendlichen Leichtsinn« ab.

Was stimmt: die Verkaufserfolge, die erste Manga-Eigenproduktionen von Christina Plaka oder Robert Labs Anfang der 2000er-Jahre feiern konnten, ließen sich in den Jahren danach nicht automatisch wiederholen. Dennoch gab und gibt es immer wieder sehr gut verkäufliche Geschichten - spontan fallen mir Titel von Judith Park, Melanie Schober, Nina Werner (bei Carlsen) oder Anna Hollmann, Anike Hage und Olga Rogalski (bei Tokyopop) ein. Und es gibt sicher noch ein paar mehr…

Dass Verlage einheimische Mangaka nicht langfristig fördern würden oder wollten, kann ich für Carlsen klar verneinen. Wir haben über die Jahre viel Zeit und Geld in Eigenproduktionen und einheimische Mangaka investiert und werden das auch in Zukunft tun. Von außen sieht man allerdings auch nicht, welche Projekte z.B. angefangen, aus verschiedenen Gründen dann aber nicht fertiggestellt und somit nicht veröffentlicht wurden (davon gab es einige).

Ein Grundproblem – und m.E. mit Ursache für zwischendurch schwindendes Vertrauen in Eigenproduktionen, etwa seitens des Handels und vieler Leser  - waren jene Projekte, die später als angekündigt auf den Markt kamen oder nach Band 1 von 2 abgebrochen wurden. Oder manche Bücher, die – auch bei uns - mit heißer Nadel fertig produziert wurden, damit sie pünktlich zu einer Messe o.ä. erschienen, obwohl man redaktionell und zeichnerisch besser vorher nochmal rangegangen wäre. Da können alle Verlage – uns selbst ausdrücklich mit eingeschlossen – einen besseren Job machen. Noch nicht wirklich gelöst ist das strukturelle Problem, wie einheimische Mangaka ein befriedigendes Einkommen erwirtschaften können – Manga müssen als Buchprodukt preisgünstig sein, um am Markt reüssieren zu können, sind aber mit 180 bis 200 Seiten deutlich dicker und arbeitsaufwändiger als z.B. Comicalben. Die Arbeit an einem Band dauert i.d.R. 9-12 Monate, manchmal länger. Die Buchverkäufe alleine finanzieren den Lebensunterhalt aber nicht, und andere freie Jobs aus dem Illustrations-, Werbe- oder Animationsbereich müssen an Land gezogen werden, die so etwas »ausgleichen«. Assistenten bezahlen können einheimische Mangaka auch nicht wie in Japan. Was zudem fehlt, ist die Möglichkeit bezahlter Vorveröffentlichungen kürzerer Teile, die für japanische Zeichner normal, hierzulande aber spätestens nach der Einstellung von DAISUKI nicht mehr gegeben ist.

Ich kann nur sagen: Wir zahlen faire Vorschüsse und Honorare an unsere Autorinnen und Autoren, auch wenn wir diese bei den Manga-Eigenproduktionen nur selten wieder einspielen. Wir fördern und unterstützen diese soweit uns möglich – allerdings können wir freien Kreativen selbstredend keine Vollversorgung garantieren.

Skull Party Band 2

Professionell vorbereitet und umgesetzt: Skull Party von Melanie Schober

Ich freue mich immens darüber, dass immer mehr Nachwuchs-Mangaka Self-Publishing im Netz oder via selbst produzierten Kleinauflagen betreiben. Die heutige Szene ist so quirlig und aktiv wie noch nie. Großartig, genau das hat über viele Jahre hinweg gefehlt! Bei den Comics gibt es seit den 80er-Jahren eine vitale Fanzine-Szene, die Leute wie Walter Moers, Ralf König & Co. hervorgebracht hat. Bei den Manga hatten ja Anfang der 2000er viele Nachwuchskünstler versucht, aus dem Stand „von Null auf Großverlag“ zu kommen, ohne zuvor in kleinerem Rahmen ihre Beliebtheit testen zu können. Dass das nicht allen gelingen konnte, dürfte wenig überraschen.

Bei aller Freude über die Aktivität der Szene würde ich der im Artikel gemachten Aussage widersprechen, die etablierten Verlage seien viel zu langsam und müssten sich eigentlich nur aus dem Material-Pool bedienen, der im Netz o.ä. vorliegt. Einerseits braucht man im professionellen Buchgeschäft einfach einen entsprechenden Vorlauf – und andererseits würde sich m.E. ein Großteil der aktuellen Netzmanga eben nicht in entsprechend nötigen Stückzahlen ans große Publikum verkaufen lassen. Als Leser erfreut mich aber die inhaltliche Frische, Respektlosigkeit und der Spaß, den viele Fanmanga im Netz versprühen – und als Programmleiter kann ich alle, die uns Projekte vorstellen wollen, nur dazu ermuntern, genauso frisch und fröhlich zu denken, ohne inhaltliche Schere im Kopf.

jinbunjishin

Das Beste aus DAISUKI: Jibun-Jishin von Nina Werner

Unsere Rolle als Verlag sehen wir bei Carlsen am Ende dennoch nicht darin, einfach Material aus dem Netz als Buch zu verpacken, sondern mit den Mangaka zusammen die Geschichten zu entwickeln, über den Entstehungsprozess hinweg redaktionell zu betreuen und Marketing, PR und Vertrieb entsprechend einzubinden. Das heißt nicht, dass wir aktuell im Netz oder als Doujinshi vorveröffentlichte Titel generell ausschließen würden. Aber um am hiesigen Manga-Markt erfolgreich zu sein und wirklich »in die Zukunft zu sprinten« müssen wir alle zusammen mehr tun als einfach nur Bücher zu drucken und anzubieten. Der Beitrag suggeriert das ein wenig, und mit ähnlich naiver Denke haben in der Vergangenheit schon ganze Verlage ihre Comic- und Manga-Programme an die Wand gefahren und wieder eingestellt.

Wieso gibt es bei Euch kaum Eigenproduktionen? 

Gleich vorweg: es werden sehr bald wieder mehr, aktuell sind fünf neue Projekte mit »einheimischen« Mangaka in Vorbereitung, von denen drei im Herbst/Winter-Programm starten werden. Eine davon wird TEMPEST CURSE von Martina Peters sein. Wir hatten in letzter Zeit weniger Eigenproduktionen angekündigt, weil wir den Malus nicht eingehaltener Termine beseitigen müssen. Konkret: die Zeichner arbeiten im Voraus, und wir kündigen neue Bände erst dann wirklich an, wenn uns 80 bis 90 Prozent des Inhalts bereits komplett fertig gezeichnet in der Redaktion vorliegen und wir auch gute Cover für die Vorschauen vorliegen haben. Sonst werden sie im Handel gnadenlos untergehen zwischen den vielen japanischen Titeln.

Die Mangaka müssen bereit sein, den Inhalt zu überarbeiten und z.B. Coverentwürfe ggf. vier, fünf oder sechs Mal umzuzeichnen. Der Erscheinungs-Abstand bei Fortsetzungsbänden muss kürzer als ein Jahr sein, weil sonst das Publikum nicht mitgeht. Miniserien brauchen also mehr Vorarbeit, selbst bei etablierten Mangaka. Im Jugendbuch und der Belletristik wird seit vielen Jahren so gearbeitet, dass die Skripte zur verlagsinternen Vorschau-Deadline fast komplett vorliegen. Wir brauchen diesen zeitlichen Vorlauf einfach, um die Titel bestmöglich vorzubereiten und zu vermarkten - viele Dinge brauchen einfach länger als sich Mangaka und auch Redakteure im Vorfeld erträumt haben. Es kann immer was dazwischenkommen – »Brotjobs«, Krankheiten, Umzug, Studium, Hochzeit… Und auch wir müssen in der Redaktion ausreichend Zeit aufbringen, weshalb wir intern vor kurzem die Betreuung der Eigenproduktionen auf mehr Köpfe verteilt haben - zwischen vielen Deadlines und im quirligen Tagesgeschäft fällt das aber oft schwerer als gedacht. »Endlos viele« Eigenproduktionen könnten wir auch gar nicht stemmen. Aber mehr als zuletzt werden es schon sein.

Foto © Privat, Abbildungen © Carlsen Manga/Melanie Schober/Nina Werner