Reprodukt Programmvorschau 2018 - Interview mit Dirk Rehm

Veröffentlicht: Freitag, 01. Dezember 2017

 

reprodukt 2018

Der Berliner Verlag Reprodukt hat sich einen Namen gemacht mit anspruchsvoller Comicunterhaltung. Seine Titel stehen regelmäßig auf der Liste bei den nationalen Comicpreisen, wie beispielsweise dem auf dem Comic Salon in Erlangen verliehenen Max und Moritz-Preis. In einem »Erlangen-Jahr« kann deshalb mit besonderer Spannung auf das Programm geblickt werden. Wir sprachen mit Dirk Rehm, Verlagsleiter bei Reprodukt, über seine Novitäten im Frühjahr 2018, neue und alte Zielgruppen sowie Gérard Depardieu.

Reprodukt: Neuheiten Sommer 2018germany48
Von Kalendergeschichten und berühmten Frauen cr ICON-Fragen

Das Titelbild der neuen Vorschau ziert das Cover von Mathieu Sapins Comicreportage über Gérard Depardieu. Der Zeichner hat den Schauspieler über mehrere Jahre begleitet. Wieviel Kritik an der durchaus streitbaren Persönlichkeit steckt in der Comicreportage?

Man kann von Gérard Depardieu halten, was man will, aber Widersprüchlichkeiten eines Menschen vermitteln sich keinesfalls über sein mediales Bild. Mathieu Sapin macht alles anders als in einer »normalen« Biografie, und er macht es richtig! Er stellt Gérard Depardieu nicht auf ein Podest, noch zieht er ihn in den Dreck. Stattdessen stellt er sich ganz einfach neben ihn unter die Dusche. Er rückt dem Schauspieler so dicht auf die Pelle, dass aus seiner Nähe eine Distanz oder eine »Kritik« an Depardieu gar nicht möglich ist. Mathieu Sapin zeigt dessen Charaktereigenschaften ganz ungeschönt, aber überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden.

Gérard

Bastien Vivès neuer Band »Eine Schwester« ist eine »Coming of Age«-Erzählung. Wollt ihr damit bewusst eine neue Zielgruppe ansteuern, die zwischen eurem Kinderprogramm und den Titeln für Erwachsenen liegt?

»Coming of Age«-Titel haben bei uns eine lange Tradition, siehe Mawils »Wir können ja Freunde bleiben«, Arne Bellstorfs »Acht, Neun, Zehn«, Sascha Hommers »Insekt«, Lukas Jüligers »Vakuum«, Mariko und Jillan Tamakis »Ein Sommer am See« und so weiter. Bereits »Der Geschmack von Chlor« oder »In meinen Augen« von Bastien Vivès behandeln das Thema Junge Liebe... insofern, nein, »Eine Schwester« haben wir nicht aus dieser strategischen Überlegung ins Frühjahrspogramm aufgenommen.

Eine Schwester

Im letzten Verlagsprogramm war Pénélope Bagieu »Unerschrocken – Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen« der Aufmacher. Nun folgt im Mai 2018 der zweite Band. Bis auf Josephine Baker und Tove Jansson waren es hauptsächlich unbekannte Namen. Bleibt Bagieu dieser Linie treu?

Sie bleibt ihrer Linie treu. Die beiden bekanntesten Namen im zweiten Band sind wohl die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim und die Schauspielerin Hedy Lamarr. Daneben werden viele wenig bekannte Frauen der Zeitgeschichte vorgestellt, wie etwa die Vulkanologin Katia Krafft, die Athletin Chery Bridges oder die Astronautin Mae Jamison.

Unerschrocken 2

Von Barbara Yelin erscheint im Mai ein Kalender für das Jahr 2019. Dabei wird ihre über zwei Jahre laufende Serie »Über Unterwegs« für den Berliner Tagesspiegel verarbeitet. Wieso habt Ihr euch gegen das Buchformat entschieden?

Das hat mehrere Gründe: Zunächst wollte Barbara ihre Strips aus dem Tagesspiegel gerne in einem besonders großen Format sehen – und das Kalenderformat bietet sich hierzu an! Die Serie lief in der Sonntagsausgabe des Tagesspiegels über den relativ kurzen Zeitraum von knapp anderthalb Jahren. Da vier Zeichner sich wöchentlich abwechseln, sind insgesamt nur etwa 18 Strips von Barbara erschienen. Aus diesen Strips konnten wir nun die besten auswählen, aber für den Umfang eines Buches hätte die Anzahl nicht gereicht.

Im Gegensatz zu Barbara Yelin ist Antonia Kühn eine Neuentdeckung. Ihre Graphic Novel »Lichtung« erscheint im März. Wie seid ihr auf sie aufmerksam geworden und was zeichnet ihre Arbeit aus?

Anke Feuchtenberger hat uns als ehemalige Dozentin auf Antonia Kühn aufmerksam gemacht. In flächigen Bleistiftzeichnungen – stilistisch vielleicht irgendwo zwischen Erich Ohser und Anke Feuchtenberger anzusiedeln – erzählt sie eine berührende Geschichte über Familie, Trauer und Erinnerung.

Lichtung

Gleich drei Neuerscheinungen gibt es von Lewis Trondheim. Davon betreffen gleich zwei seine Serie »Herrn Hase«. Dabei fällt auf, dass ihr in deutscher Erstveröffentlichung den ersten Band von »Die erstaunlichen Abenteuer ohne Herrn Hase« im Mai bringt, wobei Band 4 der Reihe bereits vorliegt. Worum geht es in der Serie und wieso diese eigenartige Veröffentlichungshistorie?

Zugegeben, der Titel der Reihe,»Die erstaunlichen Abenteuer ohne Herrn Hase«, sagt es nicht so deutlich: Hier dreht sich alles um die Erlebnisse von Herrn Hase Kumpels Richard, Patrick und Felix, die schon in »Mein Freund, der Rechner« und »Nicht ohne meine Konsole« im Mittelpunkt stehen. Daneben setzt sich Lewis Trondheim selbst in Szene: »Die Abenteuer des Unviersums« spielen hauptsächlich in seinem Garten in der Vorstadt von Montpellier. »Mein Freund, der Rechner« und »Nicht ohne meine Konsole« sind ursprünglich bei Carlsen erschienen und zählen bei Dargaud als Band 2 und 3 der Serie. Der vierte Band, »Endkrass«, liegt schon seit ein paar Jahren bei uns vor. »Endkrass« als erste Neuerscheinung einige Jahre nach dem »Tod« von Herrn Hase in »Die erstaunlichen Abenueuer von Herrn Hase« war vor einigen Jahren der Anlass, die Wiederveröffentlichung der Serie bei Reprodukt zu beginnen.

Herr Hase

Noch eine Frage zum Kinderprogramm: Bei der Vorstellung des Herbstprogramms 2017 hast du uns verraten, dass der Vertrieb Eurer Bilderbücher im Buchhandel nicht einfach ist. Bei Durchsicht des neuen Programms in diesem Segment fällt auf, dass ihr gerade in diesem Bereich einen deutlichen Schwerpunkt habt. Comics für die Altersgruppe 6+ gibt es gar nicht mehr. Zufall oder gewollte Neuausrichtung?

Weder noch. Insgesamt wollten wir gerne die Anzahl der Neuerscheinungen 2018 im Frühjahr beschränken und den Schwerpunkt Kindercomics auf den Herbst schieben. Dann erscheint auch wieder ein neuer »Ariol«, eine Fortsetzung zu »Rosa und Louis« und so weiter. Tatsächlich haben wir mit Comics für die Altersgruppe 2+ sehr gute Erfahrungen gemacht, nicht zuletzt weil wir in Deutschland der einzige Verlag sind, der Comics für das früheste (Vor)Lesealter veröffentlicht.

Die Fragen stellte Bernd Hinrichs

Abbildungen © Reprodukt

Kleiner Bagger

Der Bücherdieb

Esthers Tagebücher 2

Kalender 2018 Über unterwegs

Keine Lust


Weiterführende Links:

Die Vorschau zum Sommerprogramm als PDF

Die Vorschau des Kinderprogramms zum Sommerprogramm als PDF

Homepage des Verlags: Reprodukt