Englisch Lernen mit Graphic Novels

Veröffentlicht: Sonntag, 05. August 2012

Coraline

Im Friedrich Verlag erscheint das Fachmagazin »Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch«. Die Zeitschrift versteht sich als Hilfsmittel für einen modernen und praxisorientierten Englischunterricht in der Schule. Erstmals widmete das Magazin eine ganze Ausgabe dem Thema »Graphic Novels«. CRON stellt das Heft vor und fragte bei Chefredakteurin Solveig Möhrle nach.

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Mit Comics Englisch lernen

Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch Nr. 117: Graphic Novels

Der fremdsprachlige Unterricht Englisch Nr. 117 TitelbildWährend Comics in Deutschland im Medienbetrieb seit einiger Zeit so richtig Auftrieb haben, sei es als Kunstform (Die Neunte Kunst), sei es als Medium, welches alle Arten von Inhalten mit seiner eigenen (Bilder-) Sprache transportiert, kann man auch beobachten, dass in Schulen die »Erzählungen in Comicform«  langsam, aber sicher, Einzug halten.

Der moderne Lehrer von heute ist stets auf der Suche nach zündenden Ideen, mit denen man den geschätzten Eleven, also den ehrenwerten Pennälern, die echtes Interesse am Lernen an den Tag legen, mit anschaulichen Methoden etwas beibringen kann. Einen Film zeigen und darüber diskutieren, das kann inzwischen jeder. Die wahre Herausforderung für die Damen und Herren Pädagogen ist es, den Intellekt der Heranwachsenden mit interessanten Aufgaben zu locken und stimulieren.

Ein Hilfsmittel, mit dem dies gelingen könnte, erscheint im Friedrich Verlag, der vorrangig pädagogische Fachzeitschriften publiziert und der Klett-Gruppe angehört. Für den Englischunterricht an den weiterführenden Schulen, in der Sekundarstufe I und II, gibt es das Magazin »Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch«. Die sechsmal im Jahr erscheinende Zeitschrift widmete sich bereits literarischen und kulturellen Themen wie »Radio Plays«, »Lesemotivation Jugendliteratur«, »Short Plays: Staging Women’s Lives« und »Web 2.0« oder Unterrichtsmethoden und Lernstrategien wie »Kooperatives Lernen oder »Präsentieren«. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich erstmals mit dem Thema »Graphic Novels«, also Comics.

Redakteurin Solveig Möhrle schreibt in ihrem Editorial: »Im Zeitalter der Bilder ist eine neue literarische Gattung bei Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen populär geworden: Graphic novels«. Und sie erkennt, dass diese, ähnlich wie ein ausschließlich in Wörtern erzählter Roman »die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrungen, Gedanken und Gefühle« abbilden. Mit dem Themenheft über diese »multimodale Textsorte« sollen »Lernende ihre narrative Kompentenz und ihre visual literacy schulen und Lesestrategien erwerben, die auch für das Erschließen von Bildern, Filmen und anderen Texten hilfreich sind.« Oder anders ausgedrückt: Die neue Ausgabe zeigt, wie man Comics in der Schule bzw. im Englischunterricht sinnvoll einsetzen kann.

Der fremdsprachlige Unterricht Englisch Nr. 117 BeispielseiteZur Einstimmung für unkundige Lehrer gibt es einen Basisartikel von Wolfgang Hallet (»Graphic Novels – Literarisches und multiliterales Lernen mit Comic-Romanen«), der auf sieben Seiten mit der literaturwissenschaftlichen Brille einen allgemeinen Überblick gibt. Insgesamt vergaloppiert er sich zwar beim Duktus phasenweise in Sphären, bei denen man nicht mehr weiß, ob man weiterlesen soll oder nicht (z.B. hier: »Bei aller Distinktheit der verschiedenen semiotischen Modi, in denen die graphic novel erzählt, muss ein vorschneller analytisch-zerlegender, didaktisch motivierter Zugriff vermieden werden, der sich bloß auf die erzählerische Vermittlung und die Strukturen des narrative discourse richtet, also auf die Art und Weise, wie erzählt wird.« Aber so ist das eben, wenn ein Professor für die Didaktik der englischen Sprache und Literatur schreibt, und letztlich merkt man - thank God! - dem Manne an, dass er sich ernsthaft und vielschichtig mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Hallets Artikel wird ergänzt durch Literaturangaben und eine umfangreiche Leseliste (»Handbibliothek«), in der die aufgelisteten Bücher, wie z.B. Scott McClouds »Understanding Comics« und »Reinventing Comics« auch kurz bewertet werden. Außerdem gibt es Tipps »Zum Weitersurfen« und »Zum Weiterlesen«.

Die Bandbreite der Comics, die hier für den Unterricht vorgeschlagen werden, ist groß und die Auswahl ist letztlich ziemlich gelungen. So finden sich Artikel und Übungen zu Coraline (Neil Gaiman/P. Craig Russell), Bone (Jeff Smith), Diary of a Wimpy Kid (Jeff Kinney), American Born Chinese (Gene Luen Yang), I Never Liked you (Chester Brown) und The Nobody (Jeff Lemire). Am Beispiel der Funny-Serie Bone lernen Schüler die Handlung nachzuvollziehen. Bei der Beschäftigung mit Chester Browns Comic geht es um Autobiografisches und die Analyse von Selbsterzählungen in Comicform und sogar darum, einen eigenen autobiografischen Comic zu erstellen. Bei jedem Beitrag finden sich die Klassifizierung der Lerngruppe bzw. des Schuljahrs, die Idee, die Methode sowie sogenannte »Worksheets«, die klare Vorgaben für Übungen im Unterricht geben.

Das Heft ist übersichtlich aufgebaut, passend illustriert und hinterlässt aus Sicht eines Comicexperten einen sehr brauchbaren Eindruck, da nicht nur viele Spielarten der Graphic Novel behandelt werden, sondern dies jeweils genau mit dem nötigen Abstand und Seriosität gemacht wird, die mustergültig sind. Kurzum: Die Autoren haben allesamt ihre Hausaufgaben gemacht.

Zum Schluss gibt es noch abrundenderweise zweieinhalb Seiten Kurzvorstellungen von weiteren Graphic Novels, wie z.B. Scott Pilgrim, The Tale of One Bad Rat, Persepolis oder Blankets.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich auch die Damen und Herren Pädagogen immer mehr mit dem Medium Comic beschäftigen und mit einem Heft wie der Nr. 117 der Zeitschrift »Der fremdsprachliche Unterricht English« brauchbares Lernmaterial zur Verfügung steht, welches hilfreiche Anregungen gibt. Also liebe Lehrer: Es muss nicht immer ein Film sein, nehmt doch das nächste Mal einen Comic oder eine Graphic Novel im Unterricht durch. Die Schüler werden es euch danken. [MH]

Abbildungen © Friedrich Verlag


Die nackten Fakten

Der fremdsprachliche Unterricht Englisch Nr. 117
Thema: Graphic Novels
Friedrich Verlag
Magazin, DIN A 4, s/w, 48 Seiten, 15,90 Euro
Webseite: Nr. 117: Graphic Novels


CRON fragt. Solveig Möhle antwortet.cr ICON-Fragen
Die Redakteurin des Themenhefts »Graphic Novels« im Interview


Frau Möhrle, vielleicht könnten Sie kurz Ihre Arbeit beschreiben und z.B. erzählen wie lange Sie schon Chefredakteurin bei »Unterricht Englisch« sind?

Ich bin seit fast 8 Jahren Redakteurin der Zeitschrift »Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch«. Meine Aufgabe besteht darin, die Entstehung einer Zeitschriftenausgabe von der Heftidee bis zum gedruckten Produkt zu begleiten: Dazu gehört es unter anderem, Heftthemen und -konzepte gemeinsam mit den Herausgebern zu entwickeln, Autoren in ihrem Schreibprozess zu beraten, Nachdruckgenehmigungen zu klären, Texte zu optimieren, Bilder auszuwählen, gemeinsam mit der Grafikerin ein Heftlayout zu entwickeln und sehr vieles andere mehr.

Wie kam es zu der Idee, ein ganzes Heft dem Thema »Graphic Novels« und damit dem Medium »Comic« zu widmen?

Wir gehen davon aus, dass Schülerinnen und Schüler eine Sprache dann am besten lernen, wenn sie über Themen und Inhalte sprechen können, für die sie sich interessieren und die für sie wichtig sind. Und viele Jugendliche lesen gerne Comics – dieses Medium passt zu ihrer Lebenswelt, die von Bildern, Filmen, Werbung, der Interaktion im Internet usw. geprägt ist. Graphic Novels können mit ihrer Bildsprache von der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrungen, Gedanken und Gefühle erzählen und stellen eine Alternative zur Unterrichtsarbeit mit wortgebundenen Romanen dar.

Das Medium Comic ist dabei mehr als nur Mittel zum Zweck: Schülerinnen und Schüler sollen lernen, wie die »Neunte Kunst« funktioniert, also welcher Stilmittel, Darstellungsstrategien und Perspektiven sie sich bedient. Das ist wichtig, denn neben der Freude am Lesen soll Schule auch die Fähigkeit vermitteln, mit Texten aufmerksam und kritisch umzugehen.

Wie haben Sie die Autoren für die Beiträge gesucht und gefunden?

Die Herausgeber der Zeitschrift, die an verschiedenen Universitäten und in der Lehrerausbildung tätig sind, kennen die Autoren und deren Unterricht in der Regel persönlich. Daher wussten sie, welche »Cracks« mit Spezialkenntnissen zu Graphic Novels sie um einen Unterrichtsvorschlag bitten konnten. Leider ist das Medium in Deutschland noch nicht so stark in Schule und Universität in der Diskussion wie in den angelsächsischen Ländern.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Beiträge zusammengestellt?

Wir haben Graphic Novels mit Themen ausgesucht, die für Jugendliche interessant sind, die ihrem Lernstand entsprechen und aus denen sich etwas lernen lässt. In den Ausgaben der Zeitschrift sind immer Unterrichtsvorschläge für junge Lerner (Klasse 5/6), die Mittelstufe und für die Oberstufe enthalten. Darüber hinaus gibt es einen einführenden Artikel, der den Leserinnen und Lesern Hintergründe und Informationen rund um die Textsorte graphic novel vermittelt. Hinzu kommen Vorschläge für Methoden der unterrichtlichen Umsetzung. Damit haben Lehrerinnen und Lehrer das Rüstzeug, selbst zu Graphic Novels Unterrichtseinheiten zu entwickeln.

Wie schwierig war das?

Das war eigentlich gar nicht schwierig, man muss nur einen entsprechenden Überblick über den Graphic Novel-Markt haben, um geeignete Texte auswählen zu können.

Gibt es schon erste Resonanz aus Lehrkreisen? Welche?

Die Reaktionen waren sehr positiv. Es haben sich schon viele Leserinnen und Leser gemeldet, die die Unterrichtsideen mit ihren Klassen ausprobieren wollen. Denn auf dem deutschen Markt gab es zuvor keine vergleichbare Zusammenstellung von Unterrichtsvorschlägen zu Graphic Novels – wir haben da eine Lücke geschlossen.

Welchen Bezug haben Sie persönlich zu Comics bzw. Graphic Novels?

Die Basis meines Comic-Wissens bildet die Asterix-Sammlung meines Vaters – aus den einzelnen Heften weiß ich bis heute viele Passagen auswendig. Durch die Arbeit an der Zeitschriftenausgabe habe ich sehr viel über Graphic Novels hinzugelernt – dafür bin ich den Herausgebern, Autorinnen und Autoren sehr dankbar. Ich werde die Entwicklung der Gattung weiter verfolgen.


Weiterführende Links:

Homepage des Verlags: Friedrich Verlag

Inhaltsverzeichnis des Themenhefts als PDF: Graphic Novels