Frisch Gelesen Folge 142: A Walk Through Hell, Bd. 1 & 2

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Cross Cult Veröffentlicht: Montag, 20. Januar 2020 Geschrieben von Bernd Hinrichs

 »Der Ort, an den Geister Kinder bringen.«


FRISCH GELESEN: Archiv


A Walk Through Hell, Bd. 1: »Das verlassene Lagerhaus«

Story: Garth Ennis
Zeichnungen: Goran Sudžuka

Cross Cult
Hardcover | 144 | Farbe | 22,00 €
ISBN: 978-3-959819-78-7

 

A Walk Through Hell, Bd. 2: »Die Kathedrale«

Story: Garth Ennis
Zeichnungen: Goran Sudžuka

Cross Cult
Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 25,00 €
ISBN: 978-3-959813-56-3

Genre: Horror

Für Leser, die das mögen: Gantz, Hellblazer, Mystery- und Horrorcomics



Garth Ennis ist wohl immer eine Klasse für sich. Der nordirische Texter hat in vielen seiner Werke versucht, die Grenzen des Mediums oder auch nur die Grenzen für seine treue Leserschaft auszuloten. Crossed ist ein Beispiel dafür. Aber auch Preacher oder Hellblazer. Es ist dem Talent des Erzählers zu verdanken, dass diese Gewaltorgien nicht in die Schmuddelecke gehören, sondern gleichbedeutend mit den Filmen von George A. Romero sind. Mit A Walk Through Hell hat er den nächsten Coup gelandet, von dem noch lange zu reden sein wird. Bei Cross Cult liegt die komplette Miniserie in zwei Bänden nun komplett vor.


Grenzen ausloten: Preacher, Hellblazer und The Boys, in Deutschland bei Panini beheimatet.

Ennis nimmt uns mit auf eine Reise, die in einem Einkaufszentrum beginnt. Eine junge Familie erledigt ihre Besorgungen und fällt einem Amoklauf zum Opfer. Davon ausgehend entwickelt der Autor eine Geschichte, die in Rückblenden ein grauenvolles Szenario heraufbeschwört. Der Haupterzählstrang spielt in einem Lagerhaus, dass die beiden FBI-Spezialagenten Shaw und McGregor betreten. Hier sind zwei ihrer Kollegen verloren gegangen.

Ennis gehört mittlerweile zu den Superstars unter den Comicautoren. Seine Serien laufen überaus erfolgreich, werden verfilmt und räumen regelmäßig bei den Eisner Awards ab. Das sicherlich auch, weil er durch seine Stoffe und Erzählweise an die Grenzen geht. Sex und Gewalt sind die vorherrschenden Themen in seinem Werk, gepaart mit zynischer Kritik an der modernen amerikanischen Gesellschaft. Damit spart er auch bei A Walk Through Hell nicht. Immer wieder beziehen die Protagonisten in dieser Horrorgeschichte Stellung zu Donald Trump und den aktuellen Entwicklungen in den USA. Sehr gelungen finde ich, dass Ennis dabei sowohl Befürworter als auch Gegner des Präsidenten zu Wort kommen lässt – freilich macht der Autor keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht. Durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht auch dieses Mal ein Bruch.


Auch im zweiten Band tappen die Ermittler in einer Lagerhalle lange im Dunkeln.

An diesen Stellen tun sich interessante Parallelen zu den beiden Ennis-Klassikern Preacher und The Boys auf. Während sich sie gesamte Suche nach Gott des Predigers Jesse Custer und seiner Freunde Tulip und Cassidy vor den Errungenschaften des American Way of Life abspielt beziehungsweise vor dem, was davon noch übrig ist, Krieg, Starkult und Oberflächlichkeit, rechnet der Nordire in The Boys noch schonungsloser mit seiner Wahlheimat ab. Die ganze Serie ist eine ungezügelte Sozialkritik. A Walk Through Hell bewegt sich auf identischen Pfaden. Sicherlich ist das hier Vorgetragene sehr plakativ. Ennis und seine Geschichten sind nicht das richtige Medium, um sich dezidiert mit dem Stand der amerikanischen Nation auseinanderzusetzen. Aber immerhin liefert er dazu ein stimmiges Bild.


Unvermittelter Einstieg in den amerikanischen Albtraum.

Mehr noch als der gesellschaftskritische Ansatz hat mich der Aufbau der Geschichte fasziniert. Ohne zu spoilern, kann ich verraten, dass wir Leser auf den ersten Seiten der Geschichte orientierungslos herumirren. Wer den Klappentext gelesen hat, weiß beim ersten Auftreten von Shaw und McGregor, dass damit die Haupthandlung einsetzt. Mehr aber auch nicht. Ennis lässt sich viel Zeit, um in seine Geschichte einzuführen. Wir bekommen immer nur stückchenweise etwas geliefert. So entsteht langsam ein Mosaik, dessen Tragweite wir tatsächlich erst am Ende abmessen können. Storytelling at its best!

Umgesetzt hat die Geschichte der kroatische Zeichner Goran Sudžuka. Er übt bei seinem Artwork und seiner Seitenarchitektur eine Zurückhaltung aus, die den Betrachter nicht vom Plot ablenkt. Seine Linienführung ist schlicht und eindeutig. Seine Panels enthalten gerade so viel Information wie nötig. Keines seiner Bilder ist überladen, sondern sie können als spartanisch bezeichnet werden. Das macht die Geschichte nur noch bedrückender. Wenn sich die beiden FBI-Agenten durch die Gänge des Lagerhauses vortasten, bekommen wir nicht mehr als das zu sehen, was deren Taschenlampen beleuchten. Das meiste bleibt im Dunkeln. Sudžuka übersetzt Ennis' Grundstimmung in seine Sprache. Alles wirkt bedrohlich. Schwarz ist der dominierende Farbton.


Schwarz als dominierender Farbton, nur vom Schein der Taschenlampen erhellt.

A Walk Through Hell ist ein Comic, der mich nicht so schnell losgelassen hat. Der Plot ist überaus spannend und lässt einen mit Beklemmungen zurück. Ich habe dazu eine sehr ruhige Musik aufgelegt, Max Richters Sleep. Das passt und sorgt für Gänsehaut.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2019 Cross Cult, © 2007 Panini, © 2012 Panini


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