Frisch Gelesen Folge 155: Bowie

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Cross Cult Veröffentlicht: Montag, 27. April 2020 Geschrieben von Sven Kabelitz

 »Ich kam zur Erde, um sie zu retten.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume

Text: Steve Horton, Michael Allred
Zeichnungen: Michael Allred
Farben: Laura Allred

Cross Cult
Hardcover | 160 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-9665-8081-6

Genre: Biografie, Graphic Novel

Für Leser, die das mögen: alte DC-Comics


Wenn man mit der nackten Realität nicht zurechtkommt, verlieren sich Menschen gerne in Verschwörungstheorien. Nüchtern betrachtet, ertrank der ehemalige Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones am 3. Juli 1969 in einem Pool. So einfach kann es jedoch nicht sein, und so ranken sich die unterschiedlichsten Mordtheorien um diesen Tag. Die, dass ihn der Satanist Frank Thorogood getötet habe, wärmte zuletzt der Film Stoned (2005) wieder auf. Die Polizei nahm den Fall noch einmal auf, die Ergebnisse blieben jedoch dieselben.

Was dies alles mit einer Graphic Novel über David Bowie zu tun hat? Steve Horton, Michael Allred und Laura Allred fassen all dies in einem Panel wie folgt zusammen: »Brian Jones von den Rolling Stones wird tot im Pool aufgefunden. Was sich später durch ein Geständnis als Mord herausstellte.« Ein klarer Fall von »Ich mach' mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt«. So untergraben die Autoren jedoch bereits auf den ersten Seiten die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Projekts.


Brian Jones ermordet? Diese Graphic Novel untergräbt früh die eigene Glaubwürdigkeit.

Ihr Comic muss hierzulande mit der arg holprigen Übersetzung des Titels Bowie: Stardust, Rayguns & Moonage Daydreams zu Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume auskommen. Wie man jegliche Magie aus einem Songtitel saugt, sieht man hier am Beispiel von »Moonage Daydream«. Der Fokus der Graphic Novel liegt dabei klar auf Bowies ersten Tagen als Musiker bis hin zu den letzten als Ziggy Stardust. Das Konzert am 3. Juli 1973 in Londons Hammersmith Odeon, auf dem er das Ende der Kunstfigur und der Band Spiders from Mars verkündete, dient dabei grob als Rahmen der … Story?

Bei der abgehackten Erzählweise fällt es schwer, diesen Begriff zu nutzen. Ein wirklicher Fluss findet nicht statt. Vielmehr gibt es ein emotionsloses und lineares Runterrattern von Daten, Konzertterminen, Augenblicken und kurz angerissenen Anekdoten. Dabei wäre mit dem Charakter Ziggy Stardust, der mehr und mehr die Kontrolle über Bowie übernimmt, gerade auf der erzählerischen Ebene so viel mehr möglich gewesen. Mit einem Plot kann man eine Geschichte durchaus interessant gestalten. Stattdessen kommt das Büchlein mit seinem skizzenhaften Schnelldurchlauf einem Totalausfall gleich, dessen Eintönigkeit mit zunehmender Dauer an den Nerven zerrt.


Nervenzerrend: Abgründe wie Bowies kranker Halbbruder kommen allenfalls am Rand vor.

Schon ein kleines Wunder, dass es die traurige Geschichte von Bowies unter Schizophrenie leidendem Halbbruder Terry Burns auf eine ganze Seite schafft. Bei seiner Tante Nora wurde sogar eine Lobotomie durchgeführt. Beides führt dazu, dass Bowie zeit seines Lebens Angst davor hatte, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Etwas, aus dem er immer wieder Inspiration für seine Lieder zog. Selbst in solchen Augenblicken bleibt der Comic jedoch gefühlloser Beobachter.

Viel wichtiger ist es, wann und wo sich wer in welcher Farbe die Haare färbte. Wann Bowie auf dem Cover welcher Zeitschrift erschien. Alles bleibt schrecklich oberflächlich. Von der Musik hingegen erfährt man nicht viel mehr als die Songtitel. Frauen sind als Sexobjekte, den Künstler anschmachtende Liebschaften oder das böse Weib, das die coolen Jungs auseinanderbringt, nur Nebenfiguren, die maximal dazu dienen, Inspiration zu einem Song zu liefern.


Oberflächlich: Entscheidend ist, wer sich wann wie die Haare färbt.

Konsequenterweise hat Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume die besten Momente, sobald es die Klappe hält und Zeichner Allred Songtexte oder ganze Zeitabschnitte zu Bildern zusammenfasst. Möchte man etwas Nettes zum konservativen Zeichenstil, irgendwo zwischen DC-Comics der frühen Neunziger und Gespenster Geschichten angesiedelt, sagen: Er findet mit seiner Rückwärtsgewandtheit gut in die damalige Zeit zurück. Wenn nicht, fehlt ihm das Kreative, wirkt er zeitweise gar fratzenhaft.

Der Hauptakteur selbst steht die ganze Zeit über auf einem Podest und wird von Horton und den Allreds angeschmachtet. Er bleibt unnahbar. Sämtliche dunklen Seiten und Fehltritte, von denen es mehr als genug gibt, finden nicht statt. So beraubt man Bowie seiner Tiefe, kastriert seinen Charakter. Dazu gesellt sich ständiges unangenehmes Namedropping. Welcher Musiker hielt neben Bowie mal eine Gitarre in der Hand? Peter Frampton. Wer war mal auf einem Bowie-Konzert? Morrissey. Wer will das wissen? Ich nicht.


Die besten Momente: Zeitabschnitte und Songtexte in einem Bild zusammengefasst. 

Über all dem steht in Großbuchstaben: »Schaut, wie viel großartiger unsere Musiker damals waren!« Dies ist keine Graphic Novel, die ein neues Publikum an den Künstler heranführen kann. Sie richtet sich vielmehr an all jene, die neue Musik- und Comicstile längst aufgegeben haben und sich in einem gemütlichen »Früher war alles besser» verschanzen.

Biografische Comics zu Musiklegenden können funktionieren. Sie können bereits mit ihrer Atmosphäre all das einfangen, wofür die Person stand. Dies zeigte zum Beispiel Reinhard Kleists Johnny Cash: I See a Darkness deutlich. Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume hingegen scheitert. Wenn Bowie nämlich eins niemals war, dann jemand, der sich in der Vergangenheit suhlte und verlor.


Gegensätzlich: Der Zeichenstil passt zur Epoche, aber nicht zu Bowies Neugierde auf das Neue.

Die Neugierde auf das Neue blieb immer sein Begleiter. Zu den Hauptinspirationen seines letzten Albums Blackstar zählte Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly. Das vollkommene Sich-all-dem-Verweigern stellt sich in Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume so gegen seine eigene Hauptfigur. Es steht für das Gegenteil von allem, das David Bowie ausmachte, und genau das macht es besonders ärgerlich.

[Sven Kabelitz]

Abbildungen © 2020 Cross Cult


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